Fall Lügde: Schwere Vorwürfe gegen Jugendamtsleiter

Aktenordner tragen die Aufschrift "Lügde", auf einem Tisch liegend.

Fall Lügde: Schwere Vorwürfe gegen Jugendamtsleiter

Der Leiter des Jugendamts Höxter ist im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen Lügde belastet worden. Er soll angeordnet haben, Akten von betroffenen Kindern zu verändern.

Im Lügde-Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags hat am Montag bis in den Abend hinein eine Abteilungsleiterin des Jugendamts Höxter ausgesagt. Es war das zweite Mal, dass sie vor dem Ausschuss erscheinen musste.

Beim ersten Mal im April hatte sie noch viele Fragen unbeantwortet gelassen und unsicher gewirkt. Der Landrat des Kreises Höxter hatte ihr damals zunächst nicht erlaubt, über die Abläufe innerhalb des Jugendamts zu sprechen. Diesmal beschrieb sie sehr ausführlich, was in ihrer Behörde passiert war, als der Fall Lügde im Februar 2019 öffentlich geworden war.

Falschaussage vor Untersuchungsausschuss?

Dabei belastete sie ihren Chef, den Leiter des Jugendamts, schwer. Sie beschrieb, wie sie ihm die Akten der betroffenen Kinder vorgelegt habe. Der Jugendamtsleiter hatte bei seiner Aussage vor dem Ausschuss behauptet, die Akten gar nicht zu kennen.

Der Leiter des Jugendamtes soll danach angeordnet haben, die Akten "zu vervollständigen", also beispielsweise handschriftliche Notizen abzutippen oder Dinge aus dem Gedächtnis nachzutragen.

Veränderung der Akten sollte nicht verheimlicht werden

Ein Sprecher der Kreisverwaltung sagte dazu auf Anfrage, der Jugenamtsleiter habe die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darauf hingewiesen, dass eine "Ergänzung" der Akten kenntlich gemacht werden müsse. Das ist nach WDR-Informationen auch geschehen.

Die Staatsanwaltschaft Paderborn hat ein Ermittlungsverfahren wegen der Aktenveränderung inzwischen eingestellt. Sie hat die Akten nicht als "Urkunde" eingestuft und sieht deswegen keinen Verdacht für eine Straftat. Ob die nachträglich eingefügten Angaben des Jugendamts zu dem Fall allerdings der Wahrheit entsprechen, ist zumindest teilweise fraglich.

Verbesserungsvorschläge sollen ignoriert worden sein

Die Abteilungsleiterin aus dem Jugendamt sagte weiter aus, dass Vorschläge mehrfach ignoriert wurden, welche Konsequenzen aus dem Fall Lügde gezogen werden sollten. Als sie selbst später angezeigt habe, völlig überlastet zu sein, habe der Jugendamtsleiter auch darauf nicht reagiert.

Und in noch einem Punkt widersprach sie ihrem Chef und auch dem früheren Leiter des Jugendamts: Es habe bisher keine Fachkraft gegeben, die speziell für den Bereich "Sexuelle Gewalt" geschult gewesen sei. Das hatten beiden Vorgesetzte aus Höxter in ihren Aussagen behauptet.

13 Kinder aus dem Kreis Höxter betroffen

Mindestens 13 betroffene Kinder sollen vom Jugendamt des Kreises Höxter betreut worden sein. Das hatte der Kreis vor einigen Wochen dem Ausschuss mitgeteilt. Landrat Michael Stickeln hat eine externe Untersuchung der Vorfälle angekündigt.

Der Untersuchungsausschuss versucht seit Sommer 2019 aufzuklären, wie es dazu kommen konnte, dass Polizei und Jugendämter trotz zahlreicher Hinweise nicht früher gegen die Täter auf dem Campingplatz in Lügde vorgegangen waren und Kinder geschützt haben.

Stand: 09.06.2021, 12:28