Sexueller Missbrauch in Lügde: Kritik an "Ermittlungschaos"

Lügde: Eine Polizeibeamtin der Spurensicherung trägt einen sichergestellten Monitor aus der abgesperrten Parzelle des mutmaßlichen Täters auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde.

Sexueller Missbrauch in Lügde: Kritik an "Ermittlungschaos"

  • Debatte nach Fund weiterer Datenträger im Fall Lügde
  • Massive Kritik von SPD und Grünen im Landtag
  • Erneut Rücktrittsforderung an Innenminister Reul (CDU)

Die Ermittlungspannen rund um den mutmaßlich tausendfachen sexuellen Missbrauch auf einem Campingplatz in Lügde werden immer stärker zum Problem für Landesregierung und Polizei. Der SPD-Innenexperte Hartmut Ganzke sprach am Dienstag (16.04.2019) von einem "Ermittlungschaos, was Innenminister Herbert Reul (CDU) vor die Füße fällt".

Erneut Rücktritt verlangt

Der Minister habe doch gesagt, er schicke seine besten Polizisten nach Lügde, sagte Ganzke. Der SPD-Landtagsabgeordnete erneuerte die Rücktrittsforderung der Sozialdemokraten an Reul. Die Ermittlungsfehler könnten laut Ganzke auch den Strafprozess zu dem Fall gefährden.

Videos, CDs und ein Schuppen

Nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung waren nach Abrissarbeiten auf der Parzelle des Hauptverdächtigen in Lügde mehr als zehn Videokassetten im Bauschutt gefunden worden. Bereits vergangene Woche waren dort bei den Abrissarbeiten mehrere CDs und Disketten gefunden worden.

Zudem sollen Polizei und Staatsanwaltschaft einen Schuppen des Hauptbeschuldigten erst durchsucht haben, nachdem der Verschlag von einem Abrissunternehmer bereits Tage zuvor entrümpelt worden war. Möglicherweise ist Beweismaterial vernichtet worden.

Am Dienstag verteidigten sich Staatsanwaltschaft und Polizei erneut in einem schriftlichen Statement: "Die Tatortarbeit im Bereich der Parzellen der beiden Beschuldigen wurde nach höchsten Standards - analog zur Tatortarbeit bei Mord und Totschlag — durchgeführt." Die jetzt gefundenen Videokassetten und Musik-CDs hätten "keinen Beweiswert".

Grüne: "Verkettung von vielen Fehlern bei der Polizei"

Die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Verena Schäffer, warnte davor, dass die Bevölkerung das Vertrauen in die Polizei verlieren könnte. Es stelle sich die Frage, warum die Polizei bei den Abrissarbeiten nicht dabei gewesen sei.

Zudem müsse man sich fragen, warum die Durchsuchungen der Polizei nicht vollständig gewesen seien. Die Landtagsabgeordnete kritisiert eine "Verkettung von vielen Fehlern bei der Polizei".

Innenminister Herbert Reul

Innenminister Herbert Reul

Ganzke und Schäffer erinnerten an eine Aussage des Ministers. Im Februar hatte Reul im Landtag gesagt: "Wir drehen jeden Stein auf dem Campingplatz um. Notfalls wird jeder Stein geröntgt."

Auf dem Campingplatz in Lügde soll der 56-Jährige mit einem Komplizen (33) über Jahre hinweg Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Die beiden Verdächtigen sowie ein 48-Jähriger aus dem niedersächsischen Stade sitzen in Untersuchungshaft.

Stand: 16.04.2019, 12:54