Hannelore Kraft zu Loveparade: "Wir bitten sie um Vergebung"

Hannelore Kraft zu Loveparade: "Wir bitten sie um Vergebung"

Von Nina Magoley

  • Gedenken an das Unglück der Loveparade
  • Teils bewegte Reden
  • Auch Ex-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft dabei
  • Hilfefonds läuft weiter

Der Tag des Loveparade-Unglücks zähle zu den "dunkelsten Tage in der Geschichte unseres Landes", sagte der FDP-Abgeordnete Henning Höne: Der 24. Juli 2010, als in Duisburg mit der Loveparade eine Veranstaltung, die eigentlich "ein buntes Fest" werden sollte, in einer Katastrophe endete.

21 junge Menschen wurden in einer Massenpanik erdrückt, hunderte verletzt. Der Landtag gedachte am Donnerstag (25.06.2020) dieser Katastrophe mit mehreren Reden - darunter auch die damals amtierende NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Es war ihr erster Auftritt am Rednerpult des Parlaments seit ihrer Abwahl.

Kein Schuldiger ermittelt

Erst vor wenigen Wochen ging der Mammut-Prozess um die Verantwortung für das Unglück zuende - strafrechtlich ergebnislos. Niemand wurde schuldig gesprochen. Es sei "eine Katastrophe ohne Bösewicht", so zitierte Kraft den vorsitzenden Richter.

Eine fehlende Schuld im juristischen Sinne bedeute aber nicht, dass es keinen Verantwortlichen für das Geschehen gebe. Dennoch: "Niemand hat sich bisher verantwortlich gezeigt!", rief Kraft bitter.

Zuvor hatte sie mit bebender Stimme die Namen aller 21 Getöteten aufgezählt: "Fabian, 18, Giulia, 21, Kevin, 18, ...". Die Loveparade-Katastrophe sei bis heute "die offene Wunde am Herzen der Stadt". An die Angehörigen und Betroffene gerichtet sagte Kraft: "Wir bitten sie um Vergebung."

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Dankesworte an Hannelore Kraft

Tausende Raver drängen sich auf der Loveparade in und vor dem Tunnel in Duisburg, in dem sich eine Massenpanik ereignet hat. 24.07.2010

Massenpanik im engen Tunnel auf dem Loveparade-Gelände

Immer wieder war Hannelore Kraft am Tag des Unglücks und danach mit klaren Worten an die Angehörigen und die Veranstalter vor die Kameras getreten. Sowohl Henning Höne (FDP) als auch Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) dankten ihr ausdrücklich dafür: Sie habe, gerade mal zehn Tage im Amt, die Trauer, "die 18 Millionen Menschen im Land empfanden, so eindrucksvoll formuliert, dass ein Stück Respekt gegenüber dem Staat und dem Land wiedergewonnen wurde", sagte Laschet an seine Amtsvorgängerin gewandt. Ihr "besonnenes und authentisches Auftreten" habe vielen Trost gespendet, sagte auch Höne.

"Ich habe nicht Recht gehabt"

Kraft erklärte, sie sei damals fest davon überzeugt gewesen, dass Fehler ermittelt und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen würden. "Ich habe nicht Recht gehabt", stellte sie heute fest. Für die Angehörigen der Opfer sei das nur schwer zu ertragen.

Darüber waren sich auch die Redner der anderen Parteien einig. Dass der Prozess zehn Jahre später ohne eine Verurteilung endete, löse Ratlosigkeit aus, so der allgemeine Tenor. Dennoch blieb, abgesehen von Krafts bitterer Bilanz, Kritik oder Empörung aus.

"Lehren aus Geschehenem ziehen"

Vielmehr kamen die Redner von CDU, FDP und den Grünen in der Feststellung überein, dass es nun umso mehr gelte, Lehren aus dem Geschehenen zu ziehen. Es gebe viele "offene Fragen, vor denen man ratlos und ohnmächtig" stehe, stellte der Grüne Matthi Bolte-Richter fest. Martin Vincentz von der AfD erinnerte an den damaligen Bochumer Polizeipräsidenten, der es 2009 vehement abgelehnt hatte, die Loveparade in Bochum stattfinden zu lassen.

Hilfefonds läuft weiter

Von "Bildern, die sich tief ins kollektivem Gedächtnis eingegraben haben" sprach Bodo Löttgen (CDU), und davon, dass man "weiter an der Seite der Angehörigen" sei. Als Konsequenz beschloss das Parlament anschließend einstimmig,

  • den bisherigen Fonds für Opfer und Angehörige der Loveparade mit zusäzlichen fünf Millionen Euro weiterzuführen
  • einen Fonds für Opfer von Katastrophen und Gewalttaten in NRW einzurichten
  • eine Experten-Kommission einzusetzen, die einen "Orientierungsrahmen für die Ausrichtung von Großveranstaltungen im Freien" erarbeiten soll

Von der Forderung nach einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der den Vorgängen unabhängig von der strafrechtlichen Aufarbeitung nachgehen könnte, sprach dagegen niemand mehr. In der Vergangenheit war diese Option immer wieder diskutiert worden.

Stand: 25.06.2020, 12:01