Laschets Griechenland-Bilanz: Instinkt und Inszenierung

Laschets Griechenland-Bilanz: Instinkt und Inszenierung

Von Marc Steinhäuser

  • NRW-Ministerpräsident Laschet beendet Griechenland-Reise
  • Flüchtlingsthematik stand im Mittelpunkt
  • Rennen um den CDU-Vorsitz spielte trotzdem eine Rolle

Es ist Dienstagmorgen (04.08.2020) auf der griechischen Insel Lesbos, als für eine halbe Stunde lang die Reise von Armin Laschet auf der Kippe steht. Der NRW-Ministerpräsident sieht sich im größten Flüchtlingslager Europas um. Afghanische Frauen halten ihre Kinder in Kameras. Helfer schildern Laschet ihr Leid. Doch außerhalb des Kernlagers, zwischen Zelten, Müllbergen und Laschets parkender Wagenkolonne, entstehen Sprechchöre. "Free Moria", rufen afrikanische und afghanische Flüchtlinge.

Hatte sich herumgesprochen, dass ein deutscher Spitzenpolitiker im Lager ist? Ganz genau weiß das zu dem Zeitpunkt niemand. Aber die griechische Polizei wird hochnervös, schickt schnell Polizisten mit Schutzschildern und scheucht Laschets Leute zurück in die Autos.

Armin Laschet bricht Moria-Besuch ab

WDR 5 Westblick - aktuell 04.08.2020 05:00 Min. Verfügbar bis 04.08.2021 WDR 5 Von Tobias Zacher

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Eigentlicher Plan wird durchkreuzt

War also die Reise umsonst? Für einen Moment wirkt alles wie ein weiteres Missgeschick nach Laschets sommerlicher Pannenserie im Corona-Krisenmangement. Laschet wollte mit dem Besuch im Lager Moria ein anderes Thema setzen, europäische Solidarität und Hilfsbereitschaft demonstrieren. Stattdessen macht sein Besuch plötzlich Schlagzeilen, weil er abgebrochen werden muss. Tatsächlich aber ist es eher eine Unterbrechung.

Zweiter Versuch ohne Begleittross

Es heißt, in Krisen zeige sich der Charakter. In der Coronakrise wirkte Laschet zuweilen überfordert, unwirsch und unpräzise. Auf Lesbos trifft er den richtigen Ton, nennt die Tumulte einen "Aufschrei der Verzweifelten". Dann fährt Laschet am selben Nachmittag noch mal allein ins Lager, ohne Begleittross. Die Zustände dort, so wirkt es, sind ihm ein ehrliches Anliegen. Fernab jeglicher Debatten um sein Kanzlerrennen mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder.

Ausgerechnet Laschets Regierungssprecher hebt Söder in der Hitze von Lesbos zurück auf die Bühne. Der Abbruch des Moria-Besuchs habe damit zu tun, dass Laschet von den aufgebrachten Flüchtlingen für den Premierminister von Deutschland gehalten worden sei, streut er unter den Journalisten. Laschet wiegelt später instinktiv ab. Die Delegation sei einfach zu groß gewesen. Jeder andere ausländische Politiker hätte solche Tumulte erleben können.

CDU-Wettbewerb spielt eine Rolle

Doch Laschet ist in Griechenland nicht wie jeder andere unterwegs. Seine Kandidatur für den CDU-Vorsitz wird auch in Athen wahrgenommen. Die griechische Regierung empfängt ihn am Montag zu Beginn der Reise auf höchster Ebene. Am Tisch des griechischen Regierungschefs wird neben Laschet die Deutschland-Flagge platziert.

Staatsmännische Inszenierung

Was Laschet in Griechenland in der jetzigen Lage überhaupt will, fragen manche in der Heimat. Die Flüchtlingsfrage europäisch zu lösen - das ist Laschets Botschaft. Viel konkreter wird es aber nicht. Alles verläuft streng nach Protokoll, die Termine sind eng getaktet. Nachfragen von Journalisten nicht erlaubt. Es ist eine staatsmännische Inszenierung, bei der Laschet mitspielt. Und sie lässt keinen Raum für spontane Patzer, die dem Ministerpräsidenten zuletzt beim Corona- Krisenmanagement häufiger zusetzten.

Corona-Krise: Der entkanzlerte Laschet Monitor 09.07.2020 10:58 Min. UT Verfügbar bis 30.12.2099 Das Erste

Kurzzeitig wird es doch noch etwas rutschig auf dem internationalen Parkett: Der griechische Außenminister nutzt sein Pressestatement mit Laschet, um lang und breit auf den Seekonflikt zwischen Griechenland und der Türkei aufmerksam zu machen. Laschet reagiert geschickt, schwurbelt in bester Merkel-Manier, man wolle an der Deeskalation zwischen beiden Seiten mitwirken.

Corona-Probleme bleiben

Es ist keine einfache Reise, kein ganz passender Zeitpunkt, aber Lascht wirkt zwischen Flüchtlingsbaracken oder im pompösen Außenministerium erstaunlich entschlossen. Es gibt schließlich noch andere drängende Themen außer Corona, scheint er zeigen zu wollen. Doch schon bei seiner Ankunft in Düsseldorf dürfte er die nächsten Corona-Probleme schon auf Schreibtisch vorfindem. Auslandsreise hin oder her.

Stand: 05.08.2020, 13:22