Wie sind die Zahlen der Gerechtigkeits-Studie zu deuten?

Wie sind die Zahlen der Gerechtigkeits-Studie zu deuten?

Im Auftrag des WDR hat Infratest dimap eine Studie zur Gerechtigkeit in NRW erstellt. Wie kommt es, dass eine Mehrheit NRW als gerecht empfindet? Einschätzungen von Studienleiter Heiko Gothe.

Der WDR eine repräsentative Umfrage bei Infratest dimap in Auftrag gegeben. 1.003 Menschen in NRW wurden gefragt, ob es eher gerecht oder eher ungerecht im Land zugeht. Studienleiter Heiko Gothe von Infratest dimap ordnet für uns die Zahlen ein.

WDR.de: Warum liegt NRW beim Gerechtigkeitsempfinden so deutlich über dem Bundesdurchschnitt?

Heiko Gothe: Die allgemeine Wahrnehmung ist so, dass sechs von zehn Befragten sagen, es geht gerecht zu in Nordrhein-Westfalen. Ich persönlich fand es überraschend, dass NRW positiver gestimmt ist als der Bundesschnitt und als der Schnitt in den westlichen Bundesländern. Traditionellerweise ist es ja so, dass im Osten der Republik die gesellschaftlichen Verhältnisse eher als ungerecht wahrgenommen werden, im Westen sieht es eher positiv aus.

Aber möglicherweise hat die positive wirtschaftliche Entwicklung, die sich ja jetzt auch in NRW abzeichnete, dazu geführt, dass die Gesamtlage zumindest von einer Mehrheit als gerecht wahrgenommen wird. Wir müssen aber auch sehen: 31 Prozent, also fast ein Drittel, sagt, es geht in NRW ungerecht zu.

WDR.de: Der Gesamteindruck ist recht positiv, die Einzelergebnisse hingegen nicht. Wie kommt das?

Gothe: Wir haben in der Umfrage ja auch differenziert: Wir haben uns natürlich die Bereiche angeschaut, wo wir uns dachten, da könnte ein Gerechtigkeitsdefizit von den Bürgern wahrgenommen werden. Und das war dann ja auch in einigen Feldern so. Zwei Drittel sagen, die Verteilung von Vermögen ist ungerecht. Zwei Drittel sagen auch, die Höhe von Löhnen und Gehältern ist ungerecht. Das findet ja statt vor einer Debatte, die auch die Managergehälter betrifft: Was ist eigentlich eine gerechte Entlohnung auch für Führungskräfte?

Und 60 Prozent sagen, auf dem Wohnungsmarkt geht es ungerecht zu. Das ist für NRW ein wichtiges Feld, weil es hier viele Ballungsräume und Großstädte gibt. Das ist sicherlich eine Dimension, die uns aktuell und in den nächsten Jahren noch viele Schwierigkeiten machen wird. Der Wohnungsmarkt wird immer angespannter, ob man eine Wohnung mieten kann hängt zunehmend vom Geldbeutel ab.

WDR.de: Es fällt auf, dass insbesondere die Anhänger von SPD und Grünen NRW als gerecht ansehen. Ist das ein Zufall, dass gerade die Anhänger der beiden Regierungsparteien NRW für gerecht halten?

Gothe: Nein, das ist mit Sicherheit kein Zufall. SPD und Grüne haben sich dieses Thema auf die Fahnen geschrieben, und deren Anhänger wissen, dass das Thema Gerechtigkeit in diesen Parteien eine hohe Wertschätzung erfährt. Generell ist für die Anhänger von linken Parteien - die Linke gehört natürlich auch dazu – das Thema Gerechtigkeit besonders wichtig.

Ob jetzt die Umsetzung in bestimmten Politikbereichen wirklich in ihrem Sinne stattfindet und wirklich mehr Gerechtigkeit hergestellt wird, ist sicherlich noch mal eine zweite Frage.

Das Interview führte Sabine Tenta.

Stand: 26.04.2017, 16:33