Im Netz auf Wählerfang

Im Netz auf Wählerfang

Von Sabine Tenta

Die Erwartungen an den Online-Wahlkampf sind hoch: Aber wie sind die NRW-Parteien aufgestellt? Wer ist Twitter-König? Und warum tragen ausgerechnet die Piraten bei Facebook die rote Laterne?

Barack Obama hat im Wahlkampf erhebliche Spenden online akquiriert, und Trump macht per Twitter Politik: Der Blick in die USA zeigt, wie erfolgreich Online-Kampagnen sein können. Erwartet uns zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen Ähnliches? Eher nicht. Der Online-Wahlkampf wird einige Nummern kleiner ausfallen. Für große Kampagnen seien die Etats zu niedrig, sagt Christoph Bieber, Politikwissenschaftler der Uni Duisburg-Essen, dem WDR.

Gleichwohl spielt das Netz in den Wahlkampf-Planungen der Parteien eine große Rolle. Wir haben alle Parteien, die aktuell im Landtag sind oder Chancen haben, in den nächsten Landtag einzuziehen, befragt. SPD, CDU, Grüne, FDP, Piraten und Linke haben geantwortet, die AfD wollte sich uns gegenüber nicht äußern.

Was geben die Parteien für den Wahlkampf aus?

Genaue Summen für den Wahlkampf geben nicht alle Parteien preis. CDU, Grüne und FDP teilen mit, für den gesamten Landtags-Wahlkampf in etwa gleich viel ausgeben zu wollen wie vor fünf Jahren. Die CDU verfügt somit über einen Gesamtetat von 4,5 Millionen Euro, die Grünen von 1,1 Millionen Euro und die FDP von 800.000 Euro.

Einen speziellen Online-Etat können oder wollen die wenigsten Parteien beziffern: Beide Wahlkämpfe, im Netz und offline, würden ineinandergreifen. Die Online-Wahlkampfteams bestehen zum Teil nur aus einer Handvoll Hauptamtlichen, die von Ehrenamtlichen und Praktikanten unterstützt werden.

Die Online-Strategien der Parteien

Wie ihre Online-Strategien aussehen, wollen die Parteien nicht verraten. Aber schon jetzt lässt sich einiges beobachten: Die FDP beispielsweise setzt immer wieder geschickt Videos ein, die bei Youtube hohe Abrufzahlen generieren. Selbst vergleichsweise dröge Themen wie die Haushaltsdebatte im NRW-Landtag funktioniert viral.

Mit ihrem Spitzenkandidaten Christian Lindner hat die FDP zudem einen netzaffinen Politiker und geschickten Redner. Manchmal, wenn er sich am Rednerpult des Landtags aufregt, entsteht der Eindruck, die eigentlichen Adressaten seien nicht die Abgeordneten, sondern die liberale Community im Netz. Auch andere Parteien versuchen, mit emotionalen Redeauftritten im Landtag bei Youtube zu punkten.

Die Erfolge der AfD wären ohne das Netz wohl nicht denkbar. Sie setzt gezielt auf die 140-Zeichen-Kurz-Provokation bei Twitter und ausführlichere Inhalte bei Facebook. Beide Instrumente erzielen eine große digitale Aufmerksamkeit, die sich immer auch in die Offline-Welt überträgt.

So zum Beispiel nach dem islamistischen Terror-Anschlag in Berlin: Marcus Pretzell schrieb auf Twitter: "Es sind Merkels Tote." Im Westpol-Roadtrip sagte der AfD-Spitzenkandidat, Twitter sei für ihn ein Medium, "um Journalisten zu triggern."

Wo sind die Parteien aktiv?

Nach eigenen Angaben sind alle Parteien bei den großen sozialen Netzwerken aktiv, also bei Facebook, Twitter und Youtube. Viele sind darüber hinaus bei Instagram und Flickr. Einzig die Piraten bedienen auch Snapchat. Sie sind auch auf Pinterest vertreten, haben dort jedoch nur drei Follower.

Überhaupt ist die Resonanz in den diversen Kanälen höchst unterschiedlich. Die Anzahl der Follower und Likes ist nur ein erster Anhaltspunkt. Denn ob ein Posting bei Facebook auch wirklich in der Timeline der Fans ausgespielt wird, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem von einem Algorithmus, dessen Wirkungsweise Facebook nicht offenlegt.

Facebook - das populärste Netzwerk

Schaut man auf das reichweitenstärkste soziale Netzwerk, dann hat die AfD als jüngste Partei die meisten Gefällt-mir-Angaben. Gefolgt wird sie dann nicht etwa von den mitgliederstarken großen Parteien SPD und CDU, sondern von den kleineren Parteien, die offensichtlich bei Facebook besser ihre Basis mobilisieren können.

Twitter - das Medium für Multiplikatoren

Alle Spitzenkandidaten sind bei Twitter und nutzen diese Plattform teilweise sehr aktiv. So gibt es zum Beispiel von Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) während diverser Landtagsdebatten digitale Zwischenrufe via Twitter. Wo früher laut ins Plenum gerufen wurde, erreicht nun ein Tweet eine erweiterte Öffentlichkeit.

Entscheidend für die politische Wirkung ist nicht, wie oft etwas gepostet oder retweetet wird, sondern wer die Botschaft liest und verbreitet. Der "Twitter-King" ist der Liberale Christian Lindner. An zweiter Stelle steht Hannelore Kraft, die allerdings nur gut 700 Tweets auf dem Zähler hat, einige davon sind zudem von ihrem "Team Kraft" geschrieben.

Facebook - wem gefällt das?

Auch bei Facebook hat Christian Lindner gegenüber anderen Spitzenkandidaten die Nase vor. Auffällig ist, dass ausgerechnet der Pirat Michele Marsching abgeschlagen auf dem letzten Platz liegt. Der Grund: Die Piraten haben Facebook wegen seines Umgangs mit den User-Daten lange gemieden. Um ihre Kritik daran auch bei Facebook zu verbreiten, seien sie den "Pakt mit dem Teufel" eingegangen, sagt Marsching.

Die Parteien bei Youtube

Alle im NRW-Landtag vertretenen Parteien haben mehrere Youtube-Kanäle: einen für die Fraktion und einen für die Partei. Teilweise sind auch einzelne Politiker mit eigenen Kanälen vertreten. Hannelore Kraft (SPD) hat im Januar 2016 mit einem Vlog angefangen, um Einblicke in ihre Arbeit als Ministerpräsidentin zu geben. Ein Format, das Abrufzahlen im vier- bis fünfstelligen Bereich hat und nach Angaben der SPD im Wahlkampf reaktiviert werden soll.

Etwas traurig muten allerdings einige Fraktions-Youtube-Kanäle an: So posten die Grünen zwar fleißig Debattenbeiträge ihrer Abgeordneten, schön in kleine Happen von maximal fünf Minuten Länge aufgeteilt. Aber die Abrufzahlen liegen teilweise im einstelligen Bereich.

Auch bei CDU und SPD finden sich viele Abrufe im zweistelligen Bereich. Deutlich erfolgreicher ist die FDP-Fraktion. Einzelne Rede-Ausschnitte von Christian Lindner werden teilweise über 100.000 Mal gesehen. Und die Beiträge werden eifrig kommentiert.

Das zentrale Wahlkampfinstrument

Letzten Endes wird die Wahl nicht nur im Netz entschieden. Der Spitzenpirat Michele Marsching meint sogar: "Das zentrale Wahlkampfinstrument ist immer zu den Menschen zu gehen und den Menschen auf der Straße Rede und Antwort zu stehen."

Stand: 10.03.2017, 10:20