Flut-Ausschuss im Landtag: Forscherin kritisiert Systemversagen

Foto von der Abbruchkante in Erftstadt-Blessem am 15.07.2021.

Flut-Ausschuss im Landtag: Forscherin kritisiert Systemversagen

Von Martin Teigeler und Tobias Zacher

Im Landtags-Ausschuss zur Flut hat die erste Zeugin ausgesagt. Eine britische Forscherin zeigte sich "überrascht" darüber, dass so viele Menschen zu Tode gekommen seien - mehrere Tage vorab hätten Infos zum Hochwasser vorgelegen.

Im Untersuchungsausschuss zur verheerenden Flut in Nordrhein-Westfalen hat eine Forscherin dazu aufgerufen, Lehren aus dem Unglück zu ziehen. "Mehrere Tage" vor der Katastrophe sei absehbar gewesen, wie ernsthaft die Situation war, sagte die britische Hydrologie-Professorin Hannah Cloke am Freitag im Landtag in Düsseldorf.

Sie bezog sich auf die Erkenntnisse des europäischen Hochwasser-Warnsystems EFAS. Cloke erneute ihren Vorwurf eines Systemversagens.

Überrascht über hohe Zahl der Todesopfer

Es hätten gute und rechtzeitige Informationen zum Ausmaß des Hochwassers vorgelegen, sagte die unabhängige Forscherin. Zugleich betonte sie, dass sie nicht sagen könne, an welcher Stelle im behördlichen Hochwassermanagement in NRW der Fehler zu finden sei. Aber die Informationen hätten vorgelegen - weshalb sie anschließend "überrascht" gewesen sei, wie viele Menschen zu Tode gekommen waren.

Eindringlich rief sie mehrfach zu Konsequenzen aus der Katastrophe auf und sprach den Hinterbliebenen der Todesopfer ihr Mitgefühl aus. Es sei ihre Pflicht als Wissenschaftlerin, so Cloke, ihre Expertise bei der Ursachenanalyse einzubringen. Allein in NRW waren bei dem verheerenden Hochwasser 49 Menschen ums Leben gekommen.

Kachelmann als Zeuge

Als zweiter Zeuge wurde am Abend der Wetterexperte Jörg Kachelmann angehört, der vor der Katastrophe per Twitter gewarnt hatte. Er schilderte, dass seine Wettermodelle bereits am Sonntag eine Extremwetterlage mit heftigem Hochwasser vorhergesagt haben. 150 bis 200 Millimeter pro Quadratmeter hätten die unterschiedlichen Berechnungen ergeben.

Dies hätte sich am Montag weiter bestätigt, was Restzweifel beseitigte. "Es ist nicht so, dass da irgendeine Unsicherheit gewesen wäre", so Kachelmann im Untersuchungsausschuss.

Er zeigte Modellkarten, auf denen am Dienstagmittag das komplette Ruhrgebiet und Rheinland sowie weite Teile der Eifel tief lila dargestellt sind – die Farbe der höchsten Warnstufe. Kachelmanns Wetterdienst warnte vor "extremer Überflutungsgefahr durch Dauerregen" und dem "Überschwemmen ganzer Ortschaften".

Schließlich heißt es: "Halten sie sich von kleineren Bächen und Flüssen unbedingt fern." Diese Warnung erreichte viele Menschen in NRW zu spät. Mehr als fünf Stunden, nachdem Kachelmanns Dienst diese Warnung abgesetzt hatte, starb der erste Mensch in den Fluten in Nordrhein-Westfalen. "Es musste in dieser Situation niemand ums Leben kommen. Wenn alle das tun, was hätte getan werden müssen", sagte Kachelmann.

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Der Untersuchungsausschuss im Landtag von Nordrhein-Westfalen kam mit den Stimmen der Oppositionsabgeordneten von SPD und Grünen zustande. Das Gremium soll mögliche Versäumnisse, Unterlassungen oder Fehleinschätzungen der CDU/FDP-Landesregierung und nachgeordneter Behörden in Zusammenhang mit dem Hochwasser untersuchen.

Bundesregierung sagte ab

Zu Beginn der Untersuchungsausschuss-Sitzung berichtete Staatskanzlei-Chef Nathanael Liminski (CDU), welche Akten die Landesregierung dem Gremium noch zur Verfügung stellen werde. Nachdem bisher bereits 477.000 Seiten vorhanden seien, sei eine weitere Zulieferung von 421.000 Seiten erfolgt, so dass nunmehr insgesamt bereits beinahe 900.000 Seiten Material übergeben worden seien.

Unter anderem fehlen demnach noch Akten aus dem Ministerbüro von Innenminister Herbert Reul (CDU). Die SPD kritisierte, dass am Freitag kurz vor der Sitzung 721 Dateien mit einem Datenvolumen von 50 Gigabyte eingetroffen sein. Das könne man nicht so schnell auswerten.

Die Flutkatastrophe ist jetzt museumsreif

WDR 5 Westblick - aktuell 26.11.2021 03:43 Min. Verfügbar bis 26.11.2022 WDR 5 Von Franca Schön


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Die Bundesregierung - namentlich der geschäftsführende Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) - sagte dem Ausschuss nach Auskunft des Ausschussvorsitzenden Ralf Witzel (FDP) ab und erteilte bisher keine Auskünfte zur Aktenlage. Johannes Remmel (Grüne) forderte, die voraussichtlich noch bis zum 8. Dezember amtierende Bundesregierung solle bald Auskünfte erteilen und Akten vorlegen. Andernfalls werde er dazu einen Beweisantrag stellen.

Im Frühjahr 2022 soll dem Landtag ein öffentlicher Bericht über die bis dahin vorliegenden Erkenntnisse vorgelegt werden. Im Mai 2022 sind Landtagswahlen.

Stand: 26.11.2021, 16:50