NRW-Landtag erinnert an Opfer des Nationalsozialismus

Stand: 27.01.2022, 13:15 Uhr

Gegen Antisemitismus, für Demokratie - mit einer Gedenkveranstaltung hat der NRW-Landtag an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Eine Überlebende berichtete über das Leiden der Juden.

Von Martin Teigeler

Der nordrhein-westfälische Landtag hat in einer Gedenkveranstaltung an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 kamen die Abgeordneten des Parlaments am Donnerstag in Düsseldorf unter anderem mit Vertretern jüdischer Verbände zusammen.

Eine Überlebende berichtet

Die Zeitzeugin Tamar Dreifuss | Bildquelle: Fabian Strauch/dpa

Die Holocaust-Überlebende Tamar Dreifuss, Jahrgang 1938, erzählte mit bewegenden Worten ihre Geschichte. Sie berichtete über das Elend der Juden im Getto von Wilna: "Das war schlimm, aber trotzdem versuchten die Menschen im Getto ihr normales Leben zu leben. Man versuchte es, obwohl man wusste, am nächsten Tag ist man vielleicht nicht mehr da." 1943 wurde sie von ihrem Vater getrennt. Er wurde ermordet.

Dreifuss berichtete, wie ihr mit ihrer Mutter die Flucht aus einem Durchgangslager gelang und wie sie 1944 von Soldaten der Roten Armee befreit wurden. Die Zeitzeugin schloss mit einem eindringlichen Appell gegen Antisemitismus und für Demokratie: "Solange die Demokratie besteht, haben wir Hoffnung."

Kritik an NS-Vergleichen bei Corona-Demos

Landtagspräsident André Kuper (CDU) sagte zu Beginn der Gedenkveranstaltung in seiner Rede, das Erinnern an den Holocaust sei "für uns alle, die wir heute in einem demokratischen Deutschland und in einem friedlichen Europa leben dürfen, unverzichtbare Pflicht". Ihn beschäme es, dass aktuell Demonstranten gelbe Sterne tragen mit der Aufschrift "Ungeimpft", von "Corona-Diktatur" sprechen und Plakate hochhalten, die Vergleiche zur Verfolgung der Juden in der NS-Zeit ziehen. Das sei "verstörend, unerträglich und geschichtsvergessen".

Holocaust-Gedenktag: "Antisemitismus ist alltäglich" WDR 5 Morgenecho - Interview 27.01.2022 07:05 Min. Verfügbar bis 27.01.2023 WDR 5

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Forderung nach Demokratiefördergesetz

Die Fahnen vor dem Landtag in Düsseldorf hingen an diesem Gedenktag auf Halbmast | Bildquelle: Fabian Strauch/dpa

Abraham Lehrer, Vorstand der Synagogengemeinde Köln, wies darauf hin, dass jüdische Einrichtungen hierzulande seit Jahrzehnten durch Schleusen und Kameras gesichert werden müssen. Lehrer rief die gesamte Gesellschaft und die staatlichen Stellen zu einer "internen selbstkritischen Prüfung" auf, um Antisemitismus zu bekämpfen. Nötig sei ein Demokratiefördergesetz.

NRW will weiter Erinnerungsorte fördern

Die Landesregierung werde NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte weiter unterstützen, sagte Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU). Auch er kritisierte die Relativierung der NS-Verbrechen bei Demonstrationen von Gegnern der staatlichen Corona-Maßnahmen als "abstoßend" und "Verhöhnung der Opfer". In NRW sei kein Platz für Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit. Die Gedenkveranstaltung im Landtag endete mit einer Schweigeminute.

Gedenken auch in den Regionen

In vielen NRW-Städten wird am Donnerstag an NS-Opfer erinnert - teils coronabedingt bei Online-Veranstaltungen. Eine kleine Auswahl: An zahlreichen Orten putzen Schülerinnen und Schüler und andere Bürgerinnen und Bürger Stolpersteine. In Bonn findet ein Stadtrundgang zu ausgewählten Stolpersteinen statt. Unter dem Motto #LichterGegenDunkelheit werden Gedenkstätten wie die Wewelsburg im Kreis Paderborn angeleuchtet. In Duisburg wird im jüdischen Gemeindezentrum der Duisburger Preis für Toleranz und Zivilcourage verliehen - unter anderem an engagierte Jugendliche. In Bergisch Gladbach organisieren Schüler in der Nelson-Mandela-Gesamtschule eine Ausstellung über das Leben von Anne Frank.

Der 27. Januar ist in Deutschland seit 1996 ein Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Er ist der Jahrestag der Befreiung der Überlebenden des NS-Vernichtungslagers Auschwitz 1945 durch Soldaten der Roten Armee. Erinnert wird an sechs Millionen ermordete Juden und unter anderem an Sinti und Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, politische Gegner der Nazis sowie sogenannte Berufsverbrecher und "Asoziale", die in Konzentrationslagern und anderen Einrichtungen ermordet wurden.