Dauerpatient Krankenhaus: Lehren aus der Pandemie

Westpol 06.02.2022 16:20 Min. UT DGS Verfügbar bis 06.02.2023 WDR

Krankenhausplanung: Kliniken in NRW vor Umbruch

Stand: 09.02.2022, 11:11 Uhr

Bisher war die Bettenzahl für Krankenhäuser entscheidend. Künftig zählt die jährliche Fallzahl. Ein Verteilungskampf ist in vollem Gange. Am Mittwoch berät der Gesundheitsausschuss.

Von Daniela Becker und Martina Koch

Victoria Stöwer hat gerade Töchterchen Jara zur Welt gebracht. Die junge Mutter aus dem Kreis Olpe im Sauerland wählte bewusst das St. Josefs-Hospital in Lennestadt. Es ist eines der wenigen in der Region mit Geburtsstation. „Vierzig Minuten brauchen wir - egal wohin.“, so Victoria Stöwer. Beim vierten Kind sollte es schnell gehen. Deshalb habe sie auf ein Krankenhaus mit Kinderklinik verzichtet. Dafür hätte sie noch längere Wege fahren müssen. Ende November wurde erst im benachbarten Attendorn die Geburtsabteilung geschlossen - weil kein ärztliches Personal zu finden war.

Geht die Schließung von Krankenhäusern weiter?

Seit 2009 hat sich die Zahl der Kliniken in NRW um 72 reduziert. Noch gibt es den Statistiken von IT NRW zufolge 341 Häuser. Dabei geraten nicht nur Krankenhäuser auf dem Land unter Druck, auch in den Ballungsräumen gibt es einen Verdrängungswettbewerb. Ein ruinöser Wettbewerb, den NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) in eine gewisse Ordnung bringen wollte. „Krankenhäuser sind für kranke Menschen da und nicht die kranken Menschen für die Krankenhäuser.“, so Laumann. Maßstab der Krankenhausplanung soll deshalb nicht mehr allein die Bettenzahl sein, sondern hochwertige Versorgung mit Spezialisierung und hohen Fallzahlen.

Kleine Grundversorger bedroht?

Laumann verspricht den Patientinnen und Patienten aber auch, in zwanzig Autominuten eine Klinik erreichen zu können. Dafür braucht man dann Häuser wie Lennestadt. Das Krankenhaus ist mit knapp 200 Betten ein klassischer Grundversorger. Die finanziellen Mittel reichen schon lange nicht, um allein rentabel arbeiten zu können. Nur im Verbund mit dem größeren Krankenhaus in Olpe geht das bisher. Im Rahmen der Reform fordert Geschäftsführer Gereon Blum Standort bezogene Ausnahmen „oder entsprechend finanzielle Unterstützung für den Betrieb hier,“ eine sogenannte Sicherstellungszulage. Doch die wird nicht vom Land kommen, so der NRW-Gesundheitsminister. Dafür sei der Bund zuständig.

Lehren aus der Pandemie

Mit der Corona-Pandemie hat sich der Blick auf die Krankenhauslandschaft geändert. Laumann räumt ein, man brauche einen gewissen Puffer im Krankenhaussystem. Allerdings ist das bisher vor allem für Intensivstationen und Lungenkliniken angedacht, kritisiert Susanne Quast. Sie ist Sprecherin der Volksinitiative „Gesunde Krankenhäuser in NRW – Für ALLE!“. Die Anästhesistin mit 30 Jahren Berufserfahrung fordert auch Strukturen an der Peripherie vorzuhalten. Das heißt: Nicht nur die Betten im Keller sollen bereitstehen, sondern auch das Personal.

Konflikt um Krankenhaus-Standorte

WDR 5 Westblick - aktuell 04.02.2022 05:16 Min. Verfügbar bis 04.02.2023 WDR 5


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Krankenhaus als Wirtschaftsunternehmen oder als Daseinsvorsorge?

Susanne Quast und ihre Mitstreitenden haben bereits rund 60.000 Unterschriften gesammelt. Bis Mai wollen sie die nötige Mindestanzahl haben, damit der Landtag sich mit den Forderungen der Volksinitiative beschäftigen muss. Das Ziel sei ein Gemeinwohl orientiertes Gesundheitswesen für alle Menschen mit Wohnort naher und am Bedarf orientierter Versorgung - vollfinanziert vom Land. „Wenn ich eine Struktur dem Markt überlasse, dann stelle ich nicht sicher, dass flächendeckend alle Menschen in gleicher Zeit in gleicher Qualität versorgt werden", so Quast.

Verteilungskämpfe beginnen jetzt

Krankenhäuser und Krankenkassen müssen sich jetzt in den Versorgungsgebieten darüber einigen, welche Klinik welche Leistung anbietet. Das letzte Wort hat das Gesundheitsministerium. Wenn am Ende in Ballungsgebieten mit vielen Kliniken vielleicht nicht alle überleben, dann sei das nicht so schlimm wie auf dem Land, sagt Gregor Bornes vom PatientInnen-Netzwerk. Der Patientenvertreter kann nur abwarten, was passieren wird. Die Bevölkerung werde bei diesen Verhandlungen nicht mitgenommen, kritisiert Bornes. Alles sei intransparent.