Kraftwerk Datteln 4: Totgesagte leben länger

Kohlekraftwerk Datteln 4 im Bau

Kraftwerk Datteln 4: Totgesagte leben länger

Von Stefan Lauscher

  • Kohlekompromiss galt als Aus für Kraftwerk Datteln 4
  • Nie am Netz gewesen, aber teuerste Industrieruine
  • Jetzt doch noch Aussichten auf Inbetriebnahme

1,5 Milliarden Euro hat der Energiekonzern Uniper in das nach eigenen Angaben modernste Steinkohlekraftwerk Europas investiert. Schon 2011 sollte es in Betrieb gehen. Nach einem schier endlosen Rechtsstreit um die Genehmigung und einer fast ebenso langen Pannenserie hatte Uniper den Sommer 2020 als Starttermin genannt.

Doch dann kamen die Beschlüsse zum Kohleausstieg - und damit das scheinbar sichere "Aus" für Datteln 4. Jetzt gibt es plötzlich Signale: Doch, da geht noch was. Wir erklären den Deal.

Welche Interessen verfolgt Uniper?

Datteln 4 soll vor allem Strom für die Deutsche Bahn liefern - laut Verträgen zu aus heutiger Sicht viel zu hohen Preisen. Außerdem soll Datteln 4 Fernwärme für Wohngebiete der Umgebung liefern - so genannte Kraft-Wärme-Kopplung. Die Argumente aus Uniper-Sicht: Hoher Wirkungsgrad, im Vergleich zu Alt-Kraftwerken geringerer CO2-Ausstoß - und Einnahmen zumindest noch für einige Jahre. Der Konzern schrieb zuletzt rote Zahlen.

Wie passt das zu den Beschlüssen der Kohlekommission?

Im Schlussbericht der Kohlekommission von Ende Januar 2019 wird empfohlen, "für bereits gebaute, aber noch nicht in Betrieb befindliche Kraftwerke eine Verhandlungslösung zu suchen", mit dem Ziel, diese Meiler "nicht in Betrieb zu nehmen". Das trifft auf genau ein Kraftwerk zu: Datteln 4. Sollte das Uniper-Kraftwerk jetzt doch noch ans Netz gehen, wäre es das glatte Gegenteil von dem, was die Kohlekommission empfohlen hat und die Bundesregierung "eins zu ein umsetzen" wollte.

Pikantes Detail am Rande: Einer der Vorsitzenden der Kohlekommission war Bahnvorstand Ronald Pofalla. Mit einem "Aus" für Datteln 4 hätte er das Problem der Bahn mit den viel zu teuren Verträgen elegant aus der Welt geschafft.

Warum jetzt doch Verhandlungen über eine Inbetriebnahme?

Logo von Uniper vor Glasscheibe in der Düsseldorf Konzernzentrale

Der Abschlussbericht der Kohlekommission hält auch fest, dass für die vorzeitige Stilllegung von Kraftwerken oder den Verzicht auf Inbetriebnahme den Stromkonzernen "Entschädigungen" zu zahlen sind. Die sind bei einem neuen, modernen Kraftwerk mit noch langer möglicher Laufzeit natürlich ungleich größer als bei Alt-Kraftwerken, die ohnehin kurz vor der Stilllegung stehen.

Die Rechnung der Bundesregierung dürfte also sein: Datteln 4 darf ans Netz. Hohe Entschädigungszahlungen werden damit vermieden. Und das Ganze ließe sich sogar noch als klimapolitisch sinnvoll verkaufen: Ein modernes Kohlekraftwerk ist vergleichsweise sauberer als dreckige Alt-Kraftwerke. Die müssten dafür natürlich beschleunigt stillgelegt werden. Darüber wird derzeit noch verhandelt.

Wie sind die Reaktionen?

Ein "definitiv falsches Signal" nennt der Grünen-Umweltexperte im Bundestag, Oliver Krischer, die geplante Inbetriebnahme. Auch Hubert Weiger, Vorsitzender beim Bund für Umwelt und Naturschutz, spricht von einem "Angriff" auf den mühsam ausgehandelten Kohle-Kompromiss. "Wir erwarten, dass die Bundesregierung Wort hält und Uniper sich von dem Skandal-Projekt endgültig verabschiedet."

Stand: 31.10.2019, 16:52