Kindesmisshandlung: Ärzte brauchen "Mut und Zivilcourage"

Senke na zidu - ruke koje se pružaju ka detetu

Kindesmisshandlung: Ärzte brauchen "Mut und Zivilcourage"

  • Unsicherheit bei Verdacht auf Misshandlung
  • Mediziner können sich strafbar machen
  • Arzt fordert couragiertes Handeln

Ärzte stehen vor einem Dilemma, wenn sie bei einem Kind Anzeichen auf Missbrauch oder Misshandlung feststellen. Das "Kompetenz-Zentrum für Kinderschutz im Gesundheitswesen", das am Dienstag (02.04.2019) in Düsseldorf vorgestellt wurde, soll künftig Mediziner in solchen Fällen unterstützen und beraten. Für Maik Herberhold, Facharzt für Kinder-, Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Bochum, ist das Angebot längst überfällig.

WDR: Mit welchen Verdachtsfällen sind Ärzte im Alltag konfrontiert?

Maik Herberhold: Als Kinder- und Jugendpsychiater nehmen wir bei Kindern öfter Verhaltensauffälligkeiten und seelische Probleme wahr. Und wir müssen prüfen, ob sie Ausdruck körperlicher oder seelischer Misshandlung sind.

Kinderschutzhotline für Profis

WDR 5 Quarks - Topthemen aus der Wissenschaft 21.01.2019 05:45 Min. Verfügbar bis 21.01.2024 WDR 5

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WDR: Welche Probleme treten dabei auf?

Herberhold: Wenn Ärzte den Verdacht eines sexuellen Missbrauchs haben, der sich auf Eltern oder Verwandte als mögliche Täter bezieht, befinden sie sich in einem diffusen Bereich: Ab welchem Punkt wird der Verdacht zur inneren Gewissheit und wann muss der Arzt Schritte einleiten?

WDR: Wenn sich der Arzt zum Handeln entschließt: Wie geht es weiter?

Porträt Dr. Maik Herberhold

Maik Herberhold

Herberhold: Ich bin als Arzt zunächst der Schweigepflicht unterworfen, die nur in extremen Ausnahmefällen gebrochen werden darf. Zunächst kann der Arzt anonym eine Beratung durch das Jugendamt in Anspruch nehmen. Dann muss der Verdacht mit allen Beteiligten besprochen werden.

Erst wenn sich zum Beispiel die Eltern weigern, Schritte zum Schutz des Kindes zu unternehmen, darf man als Arzt die Schweigepflicht brechen und den Verdacht dem Jugendamt melden.

WDR: Der Bruch der Schweigepflicht unterliegt also engen Regeln?

Herberhold: Die Unsicherheit ergibt sich schon früh: Inwieweit ist der Verdacht schon so begründet für mich, dass ich das besprechen sollte? Der zweite Punkt ist, dass ich ja aufpassen muss, dass ich nicht einen möglichen Täter warne und dazu bringe, das Kind weiter unter Druck zu setzen.

WDR: Es gibt also auch Situationen, in denen Ärzte direkt Alarm schlagen müssen?

Herberhold: Das ist eine ganz heikle Situation, weil im Nachhinein immer überprüft werden kann, ob der Verdacht begründet war. Ich kenne Kollegen, die schon seit Jahren vor Gerichten stehen, weil sie begründete Verdachtsmomente hatten und es dem Jugendamt gemeldet haben.

Das neue Kompetenzzentrum ist daher als Anlaufstelle wichtig, damit Ärzte solche Abläufe rechtssicher gestalten können.

WDR: Das klingt aber grundsätzlich nach einem Dilemma.

Herberhold: Man braucht viel Mut und Zivilcourage, um zu sagen: 'Ich habe den Verdacht, dass dieses Kind missbraucht wird.' Aber wenn man Fälle wie Lüdge sieht, wo über Jahre nichts passiert ist, sollte man lernen, die Angst vor einer möglichen Fehlbeschuldigung zu überwinden.

Das Interview führte Dominik Reinle.

Stand: 02.04.2019, 17:29