Kommentar: Woelki und das politische Schweigen

Rainer Maria Kardinal Woelki

Kommentar: Woelki und das politische Schweigen

Von Christoph Ullrich

Der Streit um das Missbrauchsgutachten im Bistum Köln ist eskaliert. Kardinal Woelki steht im Zentrum der Kritik, und die Politik? Übt sich in falscher Zurückhaltung.

Von dem Versprechen, den Missbrauch der vergangenen Jahrzehnte aufzuarbeiten, ist nichts geblieben. Massenhaft treten die Katholiken und Katholikinnen aus der Kirche aus. Spöttisch kann man inzwischen sagen, dass es aktuell leichter ist einen Impftermin zu bekommen als in Köln einen Termin beim Amtsgericht, um aus der Kirche austreten zu können.

Beredtes Schweigen in der Politik

Und was macht die Landespolitik? Die schaut zu, wenn auch irritiert. Der Ministerpräsident betrachtet das ganze bisher als innerkirchliche Angelegenheit, über die Parteien hinweg herrscht ein eher beredtes Schweigen. Erst langsam kommen die Stimmen, erst langsam wird klar, wie gefährlich die Vorgänge in Köln für die Politik im Land sein können.

Auch wenn wir in Deutschland formal eine Trennung von Staat und Kirche haben, gerade das Rheinland und auch NRW sind ohne kirchliche Unterstützung nicht denkbar. Es war der ehemalige Kölner Erzbischof Frings, der 1948 Adenauers CDU als politische Kraft der Christen legitimierte und damit den Einfluss des Zentrums zurückdrängte. Frings ist bis heute moralische Instanz und steht für das Gute, aber auch das politische der katholischen Kirche - nicht nur in der CDU.

Moralische Legitamtion politischen Handelns

Die überwiegende Zahl der Ministerpräsidenten des Landes hat immer wieder die tiefe eigene Prägung durch ihre jeweilige Kirche vorgetragen, ob Johannes Rau, Jürgen Rüttgers, Hannelore Kraft oder jetzt Armin Laschet. Gerade beim letztgenannten sind die christlichen Bezüge immer wieder auffällig. Wenn Laschet sein politisches Handeln auf Maß und Mitte, Vertrauen wie Vergeben begründet, spricht da sehr häufig der Katholik Laschet. Kaum ein Portrait über den Aachener kommt ohne seinen Bezug zur Kirche aus.

Jenseits des persönlichen Glaubens der Spitzenpolitiker und -Politikerinnen sind die Kirchen auch inhaltlich ein nicht unwichtiger Beistand: In der Flüchtlingskrise des Herbstes 2015 war es eben jener Kardinal Woelki, der die handelnden Politiker massiv unterstützte, den Flüchtenden zu helfen. Diese moralische Untermauerung des politischen Handelns war wichtig für den damals unter Druck geratenen gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Gefährlicher, gesellschaftspolitischer Sprengstoff

Untersuchungen haben längst gezeigt, wie wichtig dieser Einfluss war, die europäischen Demokratien zu stabilisieren. Hinzu kommt das offensichtliche: Die Kirchen unterhalten Kitas, Krankenhäuser und diverse andere Bildungseinrichtungen. Man stelle sich also vor, dieser Faktor breche weg.

Genau darum geht es aber bei der Debatte im Bistum Köln. Die tobende Missbrauchsdebatte, das gebrochene Versprechen der Transparenz hat die gesellschaftliche Akzeptanz für die Amtskirche fast schon irreparabel beschädigt. Wer aus der Politik dazu schweigt, ignoriert daher den gesellschaftspolitischen Sprengstoff, der sich da im Kölner Dom ansammelt. Oder er deckt einen Kardinal, der eigentlich nicht mehr haltbar ist.

Das Bistum Köln brennt, die Politik schweigt (noch)

WDR RheinBlick 05.02.2021 34:11 Min. Verfügbar bis 05.02.2022 WDR Online


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Stand: 05.02.2021, 16:49

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