Kommentar: Die Digitalisierung der Schulen wurde falsch verstanden

Grundschüler arbeiten an einer interaktiven digitalen Schultafel

Kommentar: Die Digitalisierung der Schulen wurde falsch verstanden

Von Christoph Ullrich

An den Schulen im Land herrscht Frust über ihre technische Ausstattung. So das Ergebnis einer WDR-Umfrage. Keine Überraschung - ein Kommentar.

Als ich vor 15 Jahren mein erstes Staatsexamen für das Lehramt abgelegt habe, ging es bereits darum, was White-Boards, Computer und so weiter alles besser können als Overhead-Projektor oder Schulskelett. Das Problem: So wirklich konnte keiner erklären, welchen großen Mehrwert eine Videowand wirklich hat.

Auch, als die Tablets kamen, ging es eher darum, dass der Unterricht cool und neu aussieht, als dass eine tatsächliche Verbesserung bei der Wissensvermittlung angestrebt wurde. Wir haben bis heute Digitalisierung schlicht falsch verstanden, haben uns auf Äußerlichkeiten versteift, aber nicht darüber nachgedacht, wie wir bei Bedarf ein sogenanntes Homeschooling organisieren.

"Ein Wust an Trägermedien"

Daher sind für mich die Ergebnisse der WDR-Umfrage zur digitalen Ausstattung der Schulen nicht überraschend. Sie zeigen deutlich auf, welche großen Lücken vorhanden sind. Jetzt nölen wir nämlich über mangelnde Ausstattung, fehlende IT-Experten, die lieber mehr Geld für weniger Arbeit in der freien Wirtschaft verdienen wollen.

Wir leiden mit Lehrern und Lehrerinnen, die in der Freizeit Geräte updaten müssen, während es landesweit immer noch keine wirklich gut funktionierenden Digitalplattformen gibt, auf denen man Dokumente und Informationen austauschen kann. Von einer kommerziell unabhängigen Möglichkeit, Unterricht via Video zu gestalten, will ich erst nicht reden. Wir holen jetzt erst bei der Netzversorgung, den Endgeräten und ihren technischen Barrieren auf. Dort, wo wir vor Jahren hätten ansetzen müssen, statt unnötig die bestehenden Unterrichtsinhalte mit einem Wust an Trägermedien zu überfrachten.

Gleiche Chancen für Alle

Und dann fehlt die hinreichende Unterstützung für die Schüler und Schülerinnen, deren Elternhaus kein Geld für einen schnöden Laptop hat. Eine weitere Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit: die meist älteren Lehrer und Lehrerinnen, denen mit pseudo-hippem Unterricht Schwellenängste gemacht wurden statt bei ihnen Lust auf den technischen Wandel zu wecken.

Wir haben außerdem Städte und Gemeinden links liegen lassen, besonders die, die kein eigenes Geld für das Glasfaserkabel in die Schule haben. Wir haben viel falsch gemacht. Schauen wir nach vorne: In NRW müssen jetzt gleiche Chancen für alle her. Nicht für 60 Prozent der Schulen, so viele haben aktuell überhaupt brauchbares Netz, sondern für alle.

Stand: 06.10.2020, 14:43

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