Kommentar: Warum NRW die Pandemie in den Griff kriegt

"Lass Dich impfen" steht auf einer Fahne während einer Corona-Impfaktion der Stadt Köln vor dem Hauptbahnhof und Kölner Dom

Kommentar: Warum NRW die Pandemie in den Griff kriegt

Von Christoph Ullrich

Auch in NRW startet die Woche des Impfens. Die bundesweite Impfquote gegen Corona soll erhöht werden, damit bedrohliche Szenarien nicht wahr werden. Für NRW ein gefährlicher Alarmismus.

Wir starten also in die - laut einiger Bundespolitiker und -politikerinnen - alles entscheidende Impfwoche. Weil in Deutschland zu wenig geimpft wird und wir laut Robert-Koch-Institut vor einer "fulminanten vierten Welle" stehen. Die üblichen Verdächtigen mahnen vor den Folgen der vermeintlichen Impfmuffelei in Deutschland. 

Eine gefährliche Polit-Sprache

Die Sprache auf der Berliner Politbühne ist finster. Und falsch! Warum? Ein Blick nach NRW lohnt hierbei. Genau in das Land, das seit Wochen wieder gescholten wird, die Corona-Kontrolle verloren zu haben. 

Doch das Gegenteil stimmt. NRW hat aktuell eine Erstimpfquote von über 70 Prozent. Die Impfkampagne bei Schüler und Schülerinnen läuft ebenfalls ganz passabel, wie mir Vertreter und Vertreterinen aus den Kommunen immer wieder schildern.

Viele Tests, hohe Impfquote, PCR-Pooltests

Nirgends wird mehr getestet als hier. An den Grundschulen ist man sogar eines der wenigen Bundesländer, das die PCR-Pooltestung logistisch bewerkstelligt kriegt. Der Preis: Höhere Inzidenzen aber eine aktuell abebbende vierte Welle - wenn man sie so nennen will und kann. Von fulminant oder dramatisch kann kann keine Rede sein. Vielleicht in der fünften Welle kann das so werden - aber ganz sicher ist das wegen der genannten Faktoren keineswegs.

Und trotzdem wird NRW in einen Topf mit zum Beispiel Sachsen geworfen - dort wo die Impfquote nur schwerlich 55 Prozent Erstimpfungen überschritten hat. Außerdem wird die immer noch breitflächige - wenn auch durch Corona personell gerupfte - Krankenhauslandschaft oft vergessen. Hospitalisierung-Quoten sind hierzulande, mit alleine sechs Universitätskliniken, etwas anderes, als in ländlichen Regionen im Süden oder Nordosten. 

Mehr Dänemark als Sachsen

Wenn jetzt also aus der Politik eine Woche des Impfens kommt, weil Alarm wegen des Herbstes herrscht, dann redet die Politik im Falle Nordrhein-Westfalens schlicht an den Fakten vorbei.  Das Land wird mit einer höheren bis hohen Impfquote in den Herbst gehen, in NRW hat es wegen der urbanen Struktur immer schon mehr Infektionen gegeben als anderswo - was wiederum die Grundimmunität etwas hebt. Die Indikatoren stehen auf Hoffnung. Wir sind näher an Dänemark, das bei bald vergleichbaren Zahlen öffnet, als an Sachsen.

Daher müssen wir uns in diesem Herbst jetzt dringend von der Illusion bundeseinheitlicher Regeln lösen. Zum einen, weil sie eh nur selten gezündet haben - siehe die sogenannte Bundesnotbremse oder die jüngste Einigung zur Quarantäneregeln für Schulen. Und andererseits erschüttert es das Vertrauen der Menschen im Land.

Vertrauen nicht verspielen

Wenn sichtbar ist, dass in einzelnen Bundesländern die Lage keineswegs schlecht ist, dann ist es zwingend, zwischen den Ländern zu differenzieren, statt mit bundesweiten Maßnahmen zu drohen, die gesellschaftlich, rechtlich und vor allem politisch nicht angebracht sind. Ansonsten droht der tatsächliche Kontrollverlust: Dann nämlich, wenn die Gesellschaft beim Ausstieg aus der Pandemie der Politik nicht mehr traut und nicht mehr an ihrem Diskurs teilnimmt. 

Impfdebatte: "Gefahr der Gesellschaftsspaltung"

WDR 5 Morgenecho - Interview 13.09.2021 06:30 Min. Verfügbar bis 13.09.2022 WDR 5


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Stand: 13.09.2021, 14:35