Kommentar: Lügde zeigt einen ohnmächtigen Staat

30.01.2019, NRW Lügde: Ein Polizeiabsperrband hängt auf dem Campingplatz Eichwald.

Kommentar: Lügde zeigt einen ohnmächtigen Staat

Von Leo Flamm

Im lippischen Lügde sind 23 Kinder misshandelt worden. Ein unerträglicher Skandal für Behörden und Politik. Ein Kommentar.

Wie, um Himmels Willen, kann so etwas passieren? Die Geschichte des massenhaften sexuellen Missbrauchs hat bei mir unfassbare Wut und Empörung hervorgerufen. Das Gefühl lässt sich nicht in Worte fassen.

Die schnelle Frage nach der Schuld

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Leo Flamm

Und sofort die reflexartige Frage: wer ist Schuld? Wer hat diese grauenvollen Taten, neben den Tätern, letztlich zu verantworten? Wie konnte es überhaupt soweit kommen? Und schon treten sie auf, in der Berichterstattung: Die zuständigen Jugendamtsleiter oder Kreisverantwortlichen, die mit dürren ungelenken Worten eingestehen: eigentlich hat die Verwaltung nichts falsch gemacht oder falsch entschieden.

Ohnmächtige Behörden

Und wieder kommt der Reflex: das darf doch nicht wahr sein! Das Problem: das alles ist wirklich wahr. Wir schauen hier auf ein Stück perverser krimineller Wirklichkeit in unserem Land. Und auf einen in diesem Bereich viel zu oft ohnmächtigen Staat, der diese Taten hat geschehen lassen – oder: aus Sicht der Jugendämter, schlimmer noch: geschehen lassen musste.

Stamp: "Wir als Land müssen unsere Kontrollfunktion wahrnehmen"

WDR 2 | 31.01.2019 | 04:19 Min.

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Wer die Bilder des verrotteten slumartigen Campingplatzes in Lügde vor Augen hat, fragt sich: reicht nicht allein diese trostlose armselige Umgebung, um zu verbieten, dass hier Kinder aufwachsen? Nein, ganz offensichtlich wohl nicht. Lügde ist nicht der erste Fall, in dem Kommunen und Jugendämter kläglich versagt haben, und Missbrauch und Todesfälle nicht verhindert haben.

Die Politik muss handeln

Die betroffenen Reaktionen von Politik und Verwaltung folgen dann einem Automatismus: Die Jugendämter heißt es, sind überfordert. Sie wurden personell ausgedünnt. Die Gerichte fällen viel zu oft falsche Entscheidungen, das Kindeswohl betreffend. Und es werden Arbeitskreise gebildet und auf Landesebene Missbrauchsbeauftragte gefordert – vor allem: mehr Geld. Das alles ist sicher nicht verkehrt.

Aber, so banal das klingt, es ist bitterernst: Ich will endlich politische Taten sehen, und nicht länger betroffen klingende Versprechungen hören. Sie hängen mir, ehrlich gesagt, zum Hals raus. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die wirklich engagiert für das Kindeswohl eintritt, ja, dafür kämpft. Und nicht nur uns alle, sondern zuallererst die Kinder, vor derart perversen und grauenvollen Verbrechen bewahrt.

Stand: 31.01.2019, 16:00