Kommentar: Auf direktem Wege ins Corona-Chaos

Schutzmaske auf Boden

Kommentar: Auf direktem Wege ins Corona-Chaos

Von Christoph Ullrich

NRW verzichtet auf schärfere Maßnahmen bei höheren Fallzahlen. Einerseits sinnvoll, anderseits ein deutliches Zeichen, dass die deutsche Corona-Politik vor dem Scheitern steht, meint unser Kommentator.

Wer blickt da noch durch? Testpflicht nach fünf Tagen Abwesenheit vom Arbeitsplatz! Wechsel in sogenannte Inzidenzstufen erst nach acht statt ursprünglich drei Tagen und jetzt - weil mit Solingen der erste Fall dieser Art droht - das vorläufige Ende der sogenannten Inzidenzstufe 3, die ursprünglich ab 50 gemeldeter Corona-Fälle pro Woche und 100.000 Einwohner und Einwohnerinnen galt. 

Warum? Weil - so schreibt es das NRW-Gesundheitsministerium - trotz zunehmender Fälle die Lage bei den Krankenhauseinweisungen entspannt ist. Heißt: Für die Schließung von Innengastronomie und starke Einschränkung bei Veranstaltungen - das wäre in Stufe 3 der Fall gewesen - fehlt die Grundlage. Und bevor man also in eine Klagewelle mit schlechten Aussichten reinläuft, zieht man die Notbremse und schafft die Stufe einfach ab. Von jetzt auf gleich, ohne große Vorwarnung.

Mal Abseits davon, dass diese Ad-Hoc-Änderung mal wieder politische Kommunikation der schlechtesten Art und Weise ist: Spätestens jetzt sollte jedem in der Politik klar werden, dass der deutsche Weg, starr auf Fallzahlen zu schauen, ohne Berücksichtigung von Alter der Infizierten, Impfquote und Hospitalisierung, ein Weg ist, der ins Chaos führt.

Regeln aus dem Sommer 2020

Unsere Regeln im Sommer 2021 orientieren sich an denselben Parametern wie im Sommer 2020. Das ist schon ein Stück weit peinlich. Damals gab es noch keine breite Teststruktur, an Impfstoff war noch nicht zu denken. Das ist heute anders.

Deshalb ist es für die politischen Akteure - ob in den Ländern oder im Bundeskanzleramt - an der Zeit, die Corona-Politik zu überdenken. Je länger der Wurschtelkurs mit in Europa inzwischen belächelten Zahlenspielen anhält, desto mehr wird die Akzeptanz in der Bevölkerung sinken. Desto verdrossener wird auf eine Politik geschaut, die scheinbar nicht in der Lage scheint, fortschrittlich, pragmatisch und vor allem zeitgemäß auf Veränderungen zu reagieren. Zwei Monate vor der Bundestagswahl lässt mich das schon ein Stück weit verzweifeln.

Der schwierige Corona-Ausstieg

WDR RheinBlick 30.07.2021 31:47 Min. Verfügbar bis 30.07.2022 WDR Online


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Stand: 29.07.2021, 16:14

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