Missbrauchsfall Wesel: Generalstaatsanwalt rügt Ermittler

Symbolbild Kindesmissbrauch

Missbrauchsfall Wesel: Generalstaatsanwalt rügt Ermittler

Von Nina Magoley und Boris Baumholt

  • Neue Erkenntnisse im Missbrauchsfall in Wesel
  • Generalstaatsanwaltschaft rügt Ermittler in Kleve
  • Staatsanwaltschaft Kleve hatte mehr Hinweise als bislang bekannt

Die Generalstaatsanwaltschaft in Düsseldorf rügt im Missbrauchsfall von Wesel das Vorgehen der Staatsanwaltschaft Kleve. Dies hat am Mittwochnachmittag (13.11.2019) Justizminister Peter Biesenbach (CDU) im Landtag bestätigt.

Die Staatsanwaltschaft Kleve hatte nach Ermittlungen der Polizei gegen einen 26-jährigen Mann aus Wesel wegen Kindesmissbrauchs zunächst nicht genügend Gründe für einen Haftbefehl oder eine Hausdurchsuchung gesehen. Dieser Bewertung schließt sich die Generalstaatsanwaltschaft als vorgesetzte Behörde ausdrücklich nicht an.

Hätten Hinweise für Durchsuchung gereicht?

Nach einem internen Bericht der Klever Staatsanwaltschaft, der ebenfalls dem WDR vorliegt, hatten die Ermittler in Kleve offenbar schon früh deutlich mehr Informationen über den mutmaßlichen Täter, als bisher bekannt war.

Demnach hatte der Familienvater bereits am 7. Juni bei der Polizei in Wesel zugegeben, er habe sich schon 2012 und 2013 im Internet Fotos von nackten Minderjährigen angesehen. Zuvor hatte er sich selbst angezeigt, nachdem seine Familie das zuständige Jugendamt über einen möglichen Missbrauch der eigenen Kinder informiert hatte.

Der Fall in Wesel war Ende Oktober bekannt geworden, nachdem die Polizei in Bergisch Gladbach einer Gruppe auf die Spur gekommen war, die Aufnahmen von Missbrauchstaten über das Internet getauscht haben sollen.

Kita gibt Hinweis auf früheren Beginn des Missbrauchs

Am 4. Juli, erhielt die Kriminalpolizei in Wesel außerdem Informationen aus dem Kindergarten in Kamp-Lintfort, in dem der fünfjährige Stiefsohn des Mannes betreut wurde. Daraus hätten sich "Anhaltspunkte" ergeben, so der Bericht der Staatsanwaltschaft Kleve, dass der Mann "bereits vor dem 25. September 2018 sexuelle Handlungen" vor seinem Stiefsohn und der heute erst dreijährigen Tochter vorgenommen habe. Bei seiner Vernehmung hatte er gestanden, seine Kinder erst seit April 2019 fünf Mal sexuell berührt zu haben.

Nach bisherigen Informationen haben diese Hinweise aber zu keiner Neubewertung des Falles durch die Staatsanwaltschaft Kleve geführt. Laut dem vorliegenden Bericht wurden die Ermittlungsergebnisse als nicht ausreichend erachtet, um eine Hausdurchsuchung bei dem Verdächtigten zu veranlassen. Auch für einen Haftbefehl sahen die Ermittler keinen Grund.

Die Schilderungen der Staatsanwaltschaft Kleve legen nahe, dass die Behörde überlastet war: Erst sei der zuständige Staatsanwalt krank gewesen und sein Vertreter in Urlaub. Seine Nachfolgerin sei mit der Abarbeitung liegen gebliebener Verfahren beschäftigt und dann auch im "Erholungsurlaub" gewesen.

Verdächtiger Teil eines Missbrauchs-Netzwerks

Erst im Oktober, so der Bericht, sei die Staatsanwaltschaft Kleve im Zuge der Ermittlungen im Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach darüber informiert worden, dass der Familienvater aus Wesel weitreichend vernetzt gewesen sein soll. Er steht im Verdacht, mit anderen Männern, die ebenfalls ihre eigenen Kinder oder Stiefkinder sexuell missbraucht haben sollen, Fotos und Videos der Taten getauscht zu haben. Bislang geht die Polizei von zwölf Opfern aus, von denen das jüngste kein Jahr alt ist.

Acht Verdächtige sind nach Informationen des Justizministeriums in Untersuchungshaft, unter anderem auch in Bergisch Gladbach, Köln und Krefeld. Weiteren Verdächtigen sind die Ermittler möglicherweise auf der Spur. In der Wohnung eines Verdächtigen in Bergisch Gladbach wurden tausende Dateien mit einer Gesamtgröße von mehr als drei Terabyte sichergestellt.

In einer Fragestunde im NRW Landtag am Mittwochnachmittag (13.11.2019) will die SPD von Innenminister Herbert Reul (CDU) wissen, warum der Verdächtige aus Wesel erst im Oktober festgenommen wurde, obwohl die Staatsanwaltschaft schon im Juni gegen ihn ermittelt hatte.

Missbrauchsfall Bergisch-Gladbach: Strafverschärfung gefordert

WDR 5 Morgenecho - Interview 13.11.2019 04:55 Min. Verfügbar bis 12.11.2020 WDR 5

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags haben wir berichtet, die Ehefrau de Verdächtigen aus Wesel hätte ihn angezeigt. Diese Information ist falsch. Wir bitten den Irrtum zu entschuldigen.

Stand: 13.11.2019, 16:00