Bergisch Gladbach: Missbrauchs-Netzwerk mit über 30.000 möglichen Verdächtigen

Bergisch Gladbach: Missbrauchs-Netzwerk mit über 30.000 möglichen Verdächtigen

Von Christian Wolf

  • Hinweise zu 30.000 möglichen unbekannten Verdächtigen
  • Täter geben sich offenbar Tipps in Chatgruppen
  • NRW-Justizminister spricht von einem "Sumpf"

Die Missbrauchsfälle von Lügde, Bergisch Gladbach und Münster haben für Entsetzen gesorgt. Doch nun kommen weitere Details ans Licht, die zeigen, wie viel größer das Problem tatsächlich ist.

Den Ermittlern in NRW liegen neue Hinweise auf 30.000 mögliche Tatverdächtige vor. Das hat NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) am Montag (29.06.2020) bekannt gegeben. Es handele sich um internationale Netzwerke mit Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum.

Die Spuren stammen aus den Ermittlungen zum bundesweiten Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach, bei dem die Verdächtigen teilweise ihre eigenen Kinder missbraucht und Bilder der Taten getauscht haben sollen.

Bislang nur anonyme User

Bei den 30.000 Verdächtigen handelt es sich laut Biesenbach noch um unbekannte Personen, da die sich anonym in Chatgruppen und Foren aufhielten. Experten der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime (ZAC NRW) würden sich nun darum kümmern, die Personen hinter den Pseudonymen herauszufinden.

Justizminister: "Mir ist speiübel geworden"

Biesenbach sprach von einem "Sumpf", auf den die Ermittler gestoßen seien. "Ich habe nicht damit gerechnet, nicht im entferntesten, welches Ausmaß Kindesmissbrauch im Netz hat." Es handele sich um eine "neue Dimension des Tatgeschehens", sagte der Justizminister und bekannte: Ihm sei "speiübel geworden".

Pädokriminalität: Chats haben "tragende und ermöglichende Rolle"

WDR 5 Morgenecho - Interview 30.06.2020 06:22 Min. Verfügbar bis 30.06.2021 WDR 5


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Neben dem Verbreiten von Fotos und Videos werde sich in öffentlichen und geheimen Gruppen auch über Ratschläge zum Missbrauch ausgetauscht - etwa welche Beruhigungsmittel Kindern gegeben werden solle. Zudem würden Personen, die noch keinen Missbrauch begangen haben und zögern, von anderen dazu ermutigt oder sogar gedrängt.

Missbrauchsfälle: Wie Täter die Behörden täuschen Westpol 21.06.2020 UT DGS Verfügbar bis 21.06.2021 WDR

Genau diese Kommunikation in den Foren sieht Oberstaatsanwalt Markus Hartmann von der ZAC NRW als Problem. Die Täter fänden dort eine "riesige Gruppe von Gleichgesinnten" und empfänden Kindesmissbrauch als "normal". So sei zu befürchten, dass in einer solchen Atmosphäre die Hemmschwelle sinke und auch Männer Missbrauchstaten begingen, die sonst davor zurückgeschreckt wären.

Vorratsdatenspeicherung könnte helfen

Markus Hartmann

Markus Hartmann, Leiter von ZAC NRW

Eine "Task Force" von Cyber-Ermittlern soll nun die 30.000 Spuren auswerten. Dabei geht es laut Hartmann zuerst um konkrete Hinweise auf Kindesmissbrauch - um noch laufende Taten zu stoppen.

Zwar würden dabei alle erlaubten technischen Möglichkeiten ausgenutzt. Die Ermittler wünschten sich aber mehr. Hartmann verwies auf "enge Grenzen". So müssten Internetanbieter die IP-Adressen der Nutzer noch immer nach ein paar Tagen löschen. Doch genau damit könnten die anonymen Täter teilweise ermittelt werden.

Justizminister Biesenbach zeigte sich deshalb offen dafür, erneut über die Vorratsdatenspeicherung zu diskutieren. Kritiker müssten sich dann entscheiden: "Datenschutz selbst mit dem in Kauf nehmen von Kindesmissbrauch oder machen wir wirklich ernst beim Kindesmissbrauch?"

Stand: 30.06.2020, 06:00