Wo hakt es im Moment beim Kinderschutz?

Wo hakt es im Moment beim Kinderschutz?

Von Thomas Drescher

  • Kinderschutzkommission hört Experten an
  • Plädoyers für eine Fachaufsicht der Jugendämter
  • mehr Fortbildungen gefordert

Was läuft schief beim Kinder- und Jugendschutz in NRW? Dazu hörte die Kinderschutzkommission des NRW-Landtags hochkarätige Experten. Einige Schlaglichter der Diskussion.

Wo mangelt es an Geld

Vor allem im Bereich der Prävention mangelt es an Geld. Dies machte Jana-Sophie Ihle von der Alten Feuerwache in Wuppertal, einer freien Einrichtung der Jugendhilfe, deutlich. Ausgerechnet in Quartieren, die besonders von Armut betroffen seien, gebe es besonders schlecht ausgestattete Schulen und Jugendeinrichtungen. Die Städte mit solchen Quartieren hätten selbst meist erhebliche Finanzprobleme, sodass freie Einrichtungen wie ihre auf Spenden angewiesen seien. Armut der Eltern sei ein erhebliches Risiko dafür, dass der Kinderschutz verletzt werde. Das sei "ein riesengroßes Problem an der Basis", so Ihle.

Brauchen Jugendämter eine Fachaufsicht?

Es gibt keine Aufsichtsbehörde für die 186 Jugendämter in NRW. Denn Jugendämter sind Teil der kommunalen Selbstverwaltung. Das heißt, die Kommunen erledigen diese Aufgabe, also die Kinder- und Jugendhilfe, in eigener Verantwortung. Die beiden Landesjugendämter für das Rheinland und für Westfalen können allenfalls Empfehlungen abgeben. „Das ist unser schärfstes Schwert“, sagte Lorenz Bahr, der Leiter des Landesjugendamtes Rheinland.

Die Qualität der Jugendämter in NRW gehe sehr weit auseinander, so Claudia Marquardt, Fachanwältin für Familienrecht. Eine Fachaufsicht hält sie für "sehr wichtig". Verbindliche Standards wären dringend notwendig. Allerdings bedürfte es umfassender rechtlicher Änderungen, um den kommunalen Jugendämtern eine weisungsbefugte Behörde überzuordnen.

Warum klappt der Informationsfluss oft nicht?

Zieht eine Familie oder ein Kind von einem Ort zum anderen, gehen dabei immer wieder wichtige Informationen von Jugendämtern verloren. Zwar gibt es die gesetzliche Verpflichtung, dass Informationen über gefährdete Kinder vom alten an das neue Jugendamt übermittelt werden müssen. Aber dies geschieht nicht immer zügig und zuverlässig. Im Fall Lügde führte dies zu schrecklichen Konsequenzen.

Elisabeth Auchter-Mainz, Opferschutzbeauftragte des des Landes NRW, bemängelte, dass es keine Standardverfahren für dringende Fälle gibt. „Da kommt es manchmal auf einen Tag an“, sagte sie. Übergaben von einem Jugendamt an das andere müssten schneller erfolgen, zumindest auch telefonisch, besser noch: persönlich. Vor allem aber: klar geregelt.

Was würde den Profis vor Ort helfen?

In Städten und Landkreisen gibt es Versuche, die Experten zu vernetzen, die mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen beruflich zu tun haben: Kinderärzte, Lehrpersonal, Familienrichterinnen, Polizei, Staatsanwaltschaft - und Jugendämter. Oft scheitere die Teilnahme wichtiger Berufsgruppen daran, dass die Termine für diese Netzwerk-Veranstaltungen vormittags liegen. "Das ist schwierig für niedergelassene Ärzte oder Lehrer", so Kathinka Beckmann, Sozialwissenschaftlerin an der Hochschule Koblenz. "Warum denken Jugendamtsmitarbeiter, die zu solchen Veranstaltungen einladen, nicht mit"?

In diesen Netzwerken könnten wichtige Informationen von einer Berufsgruppe an die andere weitergegeben werden. Und die Zusammenarbeit wäre viel leichter, würde man sich persönlich kennen und wissen, wie die anderen arbeiteten. Die Teilnahme an runden Tischen oder Workshops müsse zum Job dazugehören, so Beckmann. "In keinem anderen Bereich spielt man so sehr Schicksal für Familien, wie in diesem."

Wie steht es um die Ausbildung?

"Wir brauchen Standards und ein Mehr an Wissen", sagte Gaby Flößer vom Kinderschutzbund NRW. In der Ausbildung von Erzieherinnen oder Sozialpädagogen werde nicht gelehrt, wie man angemessen mit Kindern über Gewalterfahrungen spricht. Dies müsse in Fortbildungen vermittelt werden. Auch in denen, an denen Ärzte, Polizisten oder Lehrer teilnehmen. Die Lehren aus Lügde, Münster und Bergisch-Gladbach sei, dass zu wenig mit den Kindern geredet werde.

Aber auch das Wissen darum, wie Gewalterfahrungen und Vernachlässigung die Entwicklung der Kinder schädige, sei nicht bei allen Beteiligten vorhanden, so Flößer.

Stand: 22.06.2020, 15:44

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