Foto von der Abbruchkante in Erftstadt-Blessem am 15.07.2021.

Zeugen: Damm an Erftstädter Kiesgrube schon vor Flut beschädigt

Stand: 27.08.2021, 18:40 Uhr

Nach Angaben von Anwohnern aus Erftstadt ist schon anderthalb Tage vor der Katastrophe erkennbar gewesen, dass der Hochwasserschutzdamm an der Kiesgrube beschädigt ist.

Von Oliver Köhler

Die Bilder der eingestürzten Häuser in Erftstadt Blessem sind um die Welt gegangen. Als die Häuser in der Nacht zum 16. Juli unterspült wurden und dann in einen riesigen Erdkrater rutschten, waren noch Menschen in dem Ort. Sie sagen, niemand hat sie davor gewarnt, dass der Wassereinbruch in die nahegelegene Kiesgrube die Wohngebiete in Erftstadt-Blessem in Gefahr bringt.

Wie Anwohner jetzt berichten, ist schon anderthalb Tage vor der Katastrophe erkennbar gewesen, dass der Hochwasserschutzdamm an der Kiesgrube beschädigt ist. Zwischen dem Ort Blessem und der Kiesgrube gab es einen Erdwall. Der sollte verhindern, dass bei Überschwemmungen Wasser in die Kiesgrube stürzt.

Starkregen hatte Damm weggespült

Alexander Engels wohnt nur wenige Hundert Meter von dem Damm entfernt in der Burg Blessem. Nachdem am Mittwoch, 14. Juli, die sintflutartigen Regenfälle eingesetzt hatten, habe er deutlich erkennen können, dass der Damm an einigen Stellen nicht mehr vorhanden war. "Das war ja eigentlich nur aufgeschütteter Boden. Der war da bei dem Starkregen schon weg gewesen, größtenteils", berichtet Engels dem WDR. "Am Mittwochnachmittag oder Abend hätte man eigentlich schon erkennen müssen, dass da dieser Damm zusammenschmilzt oder weggespült wird."

Archivbild: Flutschäden in Erftstadt-Blessem (22. Juli 2021)

Die Flutschäden in Erftstadt-Blessem

Um den beschädigten Damm habe sich aber niemand gekümmert, berichtet Anwohner Engels weiter: "Von Seiten der Kiesgrubenbetreiber oder hier von den zuständigen Ortschefs ist da nichts passiert. Da sind keine Sicherungsmaßnahmen von Grundstücken vorgenommen worden."

Betreiber bestreitet Schäden am Hochwasserschutz

Später sei genau an der Stelle, an der der Damm beschädigt war, Wasser in die Kiesgrube gelaufen. Das habe letztlich dazu geführt, dass riesige Mengen Erdreich fortgerissen wurden, berichten Anwohner. Die RWE Power AG, deren Tochterunternehmen die Kiesgrube betreibt, bestreitet, dass der Schutzdamm bereits am 14. Juli bei dem Starkregen beschädigt wurde.

"Der Hochwasserschutz der Kiesgrube war am 14. Juli völlig intakt. Davon haben sich Mitarbeiter der Kiesgrube an dem Tag vor Ort überzeugt", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme an den WDR.

Behörden überhäuften sich mit Schreckensmeldungen

Abrisskante Kiesgrube in Erftstadt

Die Abrisskante an der Kiesgrube in Erftstadt

Als das Wasser am 15. Juli in die Kiesgrube stürzte, benachrichtigte der Betreiber die zuständige Bezirksregierung in Arnsberg. Die alarmierte nach Angaben des für Bergbau zuständigen Sprechers Peter Hogrebe alle zuständigen Stellen. "Alle Behörden haben sich irgendwie mit Schreckensmeldungen überhäuft und da ist auch zunächst kein richtiges System mehr drin gewesen. So etwas kannte man nicht, ist ja auch in der Form noch nie vorgekommen", sagt Hogrebe im Interview mit dem WDR. "Das war zu diesem Zeitpunkt nur noch ein reines Beobachten, Machen kann man da nichts in dem Moment."

Anwohner mussten per Hubschrauber gerettet werden

Die Anwohner hätten aber eventuell früher gewarnt werden können, dass Erdrutsche ihren Ort bedrohen. So mussten am 16. Juli Menschen in letzter Minute per Hubschrauber aus ihren Häusern geholt werden. Offenbar hatten die Verantwortlichen nicht verstanden, welche Gefahr Blessem drohte.

Die Abbruchkante an der Burg Blessem ist mit einem Hang gesichert

Die Abbruchkante an der Burg Blessem ist inzwischen mit einem Hang gesichert

"Das war in der Situation nicht erkennbar", sagt Elmar Mettke, Sprecher der Feuerwehr Erftstadt dem WDR. "Es ist ja ein gewisser Abstand zwischen der Kiesgrube und dem Ort."

Eigentlich war Blessem schon am Tag vor der Katastrophe wegen des Hochwassers evakuiert worden. Weil das Hochwasser aber zurückgegangen war und niemand vor der neuen Gefahr warnte, kehrten viele Menschen in den Ort zurück. Dann stürzten in der Nacht zum 16. Juli Häuser ein, Teile des Ortes versanken in dem riesigen Krater.