Kommt der Kies-Ausstieg in NRW?

Stand: 30.01.2022, 14:00 Uhr

Am Niederrhein wird seit langem über den Kiesabbau gestritten. Betroffene und Kommunen fordern nun eine Ausstiegsperspektive wie bei der Kohle.

Von Henrik Hübschen, Wolfgang Otto

Herr Nolte

Protestzeichen gegen den Kiesabbau

Ihr Protest ist pink. Das Grundstück von Alexandra und Roland Nolte in Neukirchen-Vluyn ziert ein weithin sichtbares Banner gegen den Kiesabbau. "Noltanien“, so nennen sie selbst ihren familiengeführten Bauernhof, der sich gerade zur Widerstandszentrale am Niederrhein entwickelt. Roland Nolte zimmert in seiner Scheune pinke Kreuze als gemeinsames Erkennungszeichen der Kiesgegner. Keine zufällige Anleihe an die gelben Kreuze der Kohle-Gegner rund um die Braunkohletagebaue am rheinischen Revier. Denn auch die Noltes sehen ihre Heimat unmittelbar bedroht.

Dort wo sie mit ihren vier Kindern heute leben, soll laut Plänen des Regionalverbands Ruhr künftig Kies abgebaut werden. Dass ihr Hof in einem weiteren Baggersee verschwinden könnte, haben sie aus der Zeitung erfahren: "Für alles kriegen Sie Post“, ärgert sich Alexandra Nolte. "Aber über diesen Sachverhalt sind wir nicht informiert worden. Das ist einer von den hahnebüchenen Punkten in diesem insgesamt sehr verschlossenen Prozess.“

Kampf um Kies und Kalk: Ist Rohstoffabbau in NRW noch möglich?

Westpol 30.01.2022 05:56 Min. UT Verfügbar bis 30.01.2023 WDR

300 Hektar mehr Abbaufläche

Herr und Frau Nolte

Familie Nolte fürchtet um ihr Zuhause

Anfang der Woche wurde der neue Regionalplan vorgelegt. Demnach soll die Fläche, die für Kies und Sandabbau am Niederrhein zur Verfügung steht, um ein Viertel steigen. Von 1.200 Hektar auf 1.500 Hektar. Die betroffenen Gemeinden laufen dagegen Sturm. Parteiübergreifend.

Die Städte Alpen, Kamp-Lintfort, Neukirchen-Vlyun und Rheinberg haben gemeinsam mit dem Kreis Wesel Klage gegen den zugrundeliegenden Landesentwicklungsplan eingelegt. Sie wollen nicht hinnehmen, dass immer mehr landwirtschaftliche Fläche dem Kiesabbau weichen soll und ihre Region durchlöchert wird wie ein Schweizer Käse.

Alpens Bürgermeister will Ausstiegsszenario

"Wir müssen an unsere Umwelt denken, an unsere Natur, an die Bürger, die hier leben. Und wir müssen dem Einhalt gebieten. Es darf so nicht weitergehen", sagt Alpens Bürgermeister Thomas Ahls (CDU). 2008 hat er sich schon einmal erfolgreich gegen mehr Kiesabbau in seiner Stadt gewehrt. Jetzt fordert er eine grundsätzliche Wende: „Wir müssen zumindest auf mittlere Sicht einfach eine Entwicklung verspüren, dass wir rauskommen, dass es Alternativen gibt zum Kiesabbau.“

Auch Grüne und SPD fordern Kieswende

Bei einer Debatte im Landtag erhoben Politiker der Opposition schwere Vorwürfe gegen die schwarz-gelbe Landesregierung. Die wolle nur "entfesseln“, so der Grüne Norwich Rüße, um "für die Rohstoff-Industrie noch mehr Abbaufläche zur Verfügung zu stellen." Ähnliche Kritik äußerte die SPD.

Andreas Pinkwart

Andreas Pinkwart (FDP), NRW-Wirtschaftsminister

Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) sieht aber keine Alternative zur Ausweitung des Kiesabbaus. "So lange unsere Wirtschaft und unsere Bevölkerung auf eine Versorgung mit Kieseln und Sand angewiesen ist, ist dies leider unvermeidbar", sagte Pinkwart.

Beim Bau von neuen Wohnungen, für die Sanierung von Brücken und Straßen und für den Bau von Windrädern, die Sockel aus Beton brauchen – überall werde Kies benötigt: "Unsere Ausbauplanungen in verschiedenen Bereichen werden in den nächsten Jahren erhebliche zusätzliche Kies- und Sandbedarfe auslösen, und es ist glaube ich sehr klug, wenn wir das aus eigener Kraft auch abbilden können, um dann nicht später auf teure Importe angewiesen zu sein.“

Es nütze nichts, sagte der Wirtschaftsminister an Grüne und SPD gerichtet, wenn man vormittags mehr Windräder für die Energiewende fordere, mehr Ausbau von Schienenverkehr, am Nachmittag mehr Wohnungsbau "und abends sagt man aber alles, was dafür notwendig ist, wollen wir nicht mitgehen. So finden wir jedenfalls keine gute Zukunft".

Recycling als Lösung?

Sozialdemokraten und Grüne setzen dagegen auf die Wiederverwendung von Baustoffen. Der Wirtschaftsminister bezweifelte aber, dass dies in absehbarer Zeit die Nachfrage befriedigen kann: "Wir haben Recycling in der Bauwirtschaft erheblich voran bringen können, aber die Qualitäten stimmen noch vielfach nicht.“

Und während die Parteien noch streiten, könnte noch vor der Landtagswahl auf anderem Wege eine Richtungsentscheidung fallen. Am 21. März will das Oberverwaltungsgericht in Münster über die Klagen der Kommunen gegen die Kiesabbau-Pläne entscheiden. Stoppen sie die Ausweitung nicht, wird der Protest am Niederrhein weitergehen: Die Noltes haben jedenfalls schon mal ein paar pinke Kreuze auf Vorrat gezimmert.