Wie NRW mit Microsoft künftig Gewalt an Kindern verhindern will

Wie NRW mit Microsoft künftig Gewalt an Kindern verhindern will

Von Martin Teigeler

Lügde, Bergisch Gladbach, Münster - in NRW beschäftigen Fälle schwerer sexueller Gewalt gegen Kinder seit Jahren Polizei und Justiz. Jetzt soll eine neue technische Lösung die Ermittlungsarbeit beschleunigen.

"Weltneuheit", "Meilenstein", "revolutionieren" - auf einer Pressekonferenz fielen am Dienstag in Düsseldorf große Worte, wie Ermittlungen in NRW gegen Tatverdächtige wegen Kinderpornografie beschleunigt werden sollen. Die neue Ermittlungs-Software wird aber wohl erst ab Jahresende zum Einsatz kommen.

Tausende Tatverdächtige gibt es allein in NRW. Aber bislang verzögern sich die Ermittlungen oft, auch weil Polizei und Justiz große Datenmengen an Beweismaterial auswerten müssen, wenn es um sexuelle Gewaltdarstellungen gegen Kinder im Internet geht. Dafür gibt es bereits Software beim LKA - aber eine Neuentwicklung soll Ermittlungen in großen Fällen bald deutlich erleichtern.

Minister verspricht schnellere Strafverfolgung

Peter Biesenbach, 29.06.2020,

NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU)

Ein "hybrides Cloud-Modell" mit Künstlicher Intelligenz (KI) werde die Arbeit der Staatsanwaltschaft revolutionieren, kündigt NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) an. Mit einer Genauigkeit von 92 Prozent könne die neue Technologie Bilder als "Kinder- und Jugendpornografie" erkennen. Kategorisiert werden Bilder nach "Erwachsenen-Pornografie", "Kinderpornografie" und "Sonstiges".

Ziel sei es auch, "akute andauernde Missbrauchssituationen" mittels der Datenauswertung zu erkennen und so eine "konsequente schnelle Strafverfolgung" zu ermöglichen, sagte Biesenbach. Der genaue Starttermin für eine flächendeckende Nutzung in NRW ist noch offen. Der "Praxistest" sei aber bestanden, nun folge eine Ausschreibung der technischen Infrastruktur.

Mehr Verfahren wegen Gesetzesverschärfung erwartet

Laut Minister überforderten bereits die bisher angefallenen Datenmengen die Ermittler. Und durch die Verschärfung des Sexualstrafrechts auf Bundesebene sind Besitz und Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen künftig als Verbrechen mit einer Mindestfreiheitsstrafe von einem Jahr zu bestrafen. Biesenbach rechnet deshalb mit mehr Untersuchungshäftlingen - und noch mehr Datenauswertungen.

Kein Externer soll mit der neuen Technik auf Beweismittel Zugriff haben, so das Versprechen. "Datenschutz und Datensicherheit stehen an allererster Stelle", sagte Oberstaatsanwalt Markus Hartmann von der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime NRW (ZAC).

Forschungsprojekt mit Microsoft

Das Projekt entstand in einer Forschungszusammenarbeit der ZAC mit der Microsoft Deutschland GmbH. Es gehe auch um eine Entlastung der ermittelnden Beamten, sagte Microsoft-Deutschland-Chefin Marianne Janik. Denn es sei bekannt, wie hoch die psychische Belastung bei der Sichtung von Bildern mit schwerster sexueller Gewalt gegen Kinder sei.

Da die Software nicht fehlerfrei ist, müssen allerdings auch weiterhin menschliche Augen der Ermittler in jedem Fall bestätigen, dass wirklich eine strafrechtlicher Verdachtsfall vorliegt. Microsoft verspricht, dass die KI trainierbar sei, wenn ein Bild nicht richtig klassifiziert wurde.

Für die Einhaltung der strengen Rechtsvorschriften soll laut Justizministerium ein "speziell entwickelter Abstraktionsalgorithmus" sorgen, "der die Bilddateien vollständig und irreversibel abstrahiert und anonymisiert (dekonstruiert)".

Minister Biesenbach deutete an, dass mit der Technologie auch andere Formen der Kriminalität bekämpft werden könnten. Denkbar ist offenbar die Auswertung von verfassungsfeindlichen Symbolen aus der Neonaziszene.

Stand: 25.05.2021, 14:15