Fall Lügde: "Ich bin auf den Pflegevater hereingefallen"

Ein mit Polizeiband abgesperrter Wohnwagen auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde

Fall Lügde: "Ich bin auf den Pflegevater hereingefallen"

Von Arne Hell und Marc Steinhäuser

  • NRW-Untersuchungsausschuss befragt Jugendamts-Mitarbeiter
  • Nur Ex-Mitarbeiterin schildert Vorgänge im Fall Lügde
  • Entscheidene Hinweise will sie nicht bekommen haben

Die Suche nach Antworten im Missbrauchsfall Lügde wurde den Abgeordneten im NRW-Untersuchungsausschuss erneut nicht leicht gemacht. Mehrere Mitarbeiter des Jugendamtes Hameln-Pyrmont in Niedersachsen verweigerten am Dienstag (02.06.2020) jede Aussage, beriefen sich auf ihr Auskunftsverweigerungsrecht.

Doch am Nachmittag wurde es spannend und aufschlussreich: Eine vierte Zeugin - ausgerechnet eine inzwischen entlassene Mitarbeiterin des Jugendamts Hameln-Pyrmont - redete ausführlich über die Vorgänge. Sie habe "das immer im Hinterkopf gehabt mit der Pädophilie, das stand ja von Anfang an im Raum", räumte die ehemalige Mitarbeiterin des Kinderpflegedienstes Hameln-Pyrmont sichtlich bewegt ein.

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Seit 2017 war die Frau für das Pflegeverhältnis des kleinen Mädchens verantwortlich, das bei einem arbeitslosen Dauercamper auf dem Campingplatz in Lügde lebte. Nach außen hin habe das Mädchen eine gute Bindung gehabt. Sie habe sich gut entwickelt, gespielt, getanzt, das Seepferdchen gemacht. Deshalb sei sie aus allen Wolken gefallen, als der zigfache Missbrauch des Pflegevaters Ende 2018 bekannt wurde, erzählte die Zeugin. "Ich bin auf den Pflegevater reingefallen", sagte sie unter Tränen.

Frühe Hinweise waren im Jugendamt - aber an anderer Stelle

Dabei hatte es im gleichen Jugendamt früh Hinweise auf Kindeswohlgefährdung gegeben - in einer anderen Abteilung. Dort gingen 2016 Hinweise auf möglichen sexuellen Missbrauch ein - von einer Jobcenter-Mitarbeiterin, dem Kinderschutzbund und der Kita. Doch diese konkreten Hinweise kamen bei der Mitarbeiterin des Kinderpflegedienstes im gleichen Haus offenbar nicht an. Dies habe man ihr nicht mitgeteilt bei der Übergabe 2017, sagte sie im Ausschuss.

Der Verdacht der Pädophilie sei somit für sie ein reines Gerücht gewesen, zumal das Kind "kein sexualisiertes Verhalten" gezeigt habe. Zudem habe sich der Pflegevater offen gezeigt und habe auf Nachfrage die Wohnsituation erläutert. Für das Amt sei der teils aufbrausende Pflegevater "das Problem" gewesen, nicht das Kind. Dieses habe niemand konkret im Fokus gehabt ab April 2018.

Wenn Zeugen nichts sagen wollen

WDR 5 Westblick - aktuell 27.05.2020 07:29 Min. Verfügbar bis 27.05.2021 WDR 5 Von Marc Steinhäuser

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Nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe hatte die Jugendamtsmitarbeiterin einen Vermerk aus der Akte gelöscht, dies führte zu ihrer Entlassung. Sie habe Angst gehabt, dass ihr frühe Schilderungen zum Verhängnis werden könnten, gab sie an.

CDU vermutet "Maulkorb" des Landrats

Die Abgeordneten zeigten sich erstaunt, teils auch dankbar über die detaillierten Aussagen dieser Zeugin. Der CDU-Abgeordnete Dietmar Panske kritisierte nach der Sitzung den Landkreis Hameln-Pyrmont und vermutete gar einen "Maulkorb" des Landrats der Behörde. Es sei "auffällig, dass einzig eine Zeugin zu einer umfassenden Aussage bereit war, die inzwischen nicht mehr beim Landkreis arbeitet."

Der Tag habe deutlich gemacht, wie man "verantwortungsbewusst an der Aufklärung mitwirkt, ohne sich selbst belasten zu müssen", erklärte der SPD-Abgeordnete Andreas Bialas. Hätten auch andere Mitarbeiter ausgesagt, hätte dies "den Opfern geholfen." Der Untersuchungsausschuss will vor Gericht nun weitere Ordnungsgelder durchsetzen, um die anderen Zeugen zur Aussage zu zwingen.

Kinderschutz: Aus Lügde nicht schnell genug gelernt? Westpol 10.05.2020 UT DGS Verfügbar bis 10.05.2021 WDR

Stand: 02.06.2020, 17:30