Inobhutnahme: Werden Kinder zu früh aus Familien genommen?

Werden Kinder zu früh aus Familien genommen? Westpol 12.01.2020 UT DGS Verfügbar bis 12.01.2021 WDR

Inobhutnahme: Werden Kinder zu früh aus Familien genommen?

  • Kritik an Jugendämtern wegen verfrühter Inobhutnahmen
  • Bochumer Fall: Trennung von Mutter und Kinder rechtswidrig
  • Soziologen und Politiker debattieren über Fehleinschätzungen

Bei einer Inobhutnahme werden Minderjährige vorübergehend ins Heim oder in eine Pflegefamilie gebracht, um sie vor Misshandlung oder auch vor überforderten Eltern zu schützen. Es handelt sich laut NRW-Familienministerium um eine Maßnahme der Krisenintervention in Notfällen. Doch kritisch wird es, wenn die Notintervention zur Dauerlösung wird, die sich als falsch herausstellt.

Familie statt Tagen über drei Jahre getrennt

Immer öfter wird in letzter Zeit ein Vorwurf laut: Kinder werden zu schnell aus der Familie genommen. Westpol traf eine alleinerziehende Mutter aus Bochum mit ihren beiden Söhnen. Dreieinhalb Jahre war die Familie getrennt. Zu Unrecht, wie ein Gericht nach einer jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzung entschieden hat.

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"Das war der größte Fehler, mich darauf zu verlassen, dass es eine Hilfsmaßnahme sein sollte für ein paar Tage", sagt die Mutter Dina Biernath rückblickend.

Im Dezember 2019 entschied das Amtsgericht Celle, wo einer der Söhne untergebracht ist: "Das Gericht ist im vorliegenden Fall aufgrund der umfangreichen Ermittlungen […] überzeugt, dass eine konkrete Kindeswohlgefährdung im mütterlichen Haushalt und/oder eine vollständige Erziehungsungeeignetheit der Kindesmutter […] zu keiner Zeit vorlag."

Soziologe: Auffälligkeiten bei vergleichbaren Fällen

Die Inobhutnahme im Bochumer Fall hätte also nie stattfinden dürfen. Vom Jugendamt Bochum gab es dazu keinen Kommentar.

Solche Fälle kommen nicht selten vor. Eine Auswertung von 42 Fällen zeigt ein Muster. In einer Untersuchung fand der Soziologe und Jugendhilfe-Experte Wolfgang Hammer heraus, dass in diesen vergleichbaren Fällen die Kinder bei ihrer alleinerziehenden Mutter oder Großmutter lebten. Ebenso auffällig: "Die Mütter kontaktierten das Jugendamt mit der Bitte um Unterstützung."

Kinder wurden von ihren Eltern getrennt, obwohl sie selbst um Hilfe baten - und ohne dass Gewalt oder Vernachlässigung nachgewiesen wurde. Wie konnte das geschehen? Zu wenig Personal und zu viel Druck auf Mitarbeiter im Jugendamt seien mögliche Gründe, so Hammer.

Experte: Falsche Einschätzungen möglich

Joachim Stamp (FDP), ministar integracija Sjeverne Rajne Vestfalije

NRW-Familienminister Joachim Stamp

Stehen die Jugendämter wegen aktueller Misshandlungs- und Missbrauchsskandale unter Druck, im Zweifelsfall schnell einzugreifen - zu schnell? Das NRW-Familienministerium will Hammers Thesen nicht kommentieren und verweist auf die Verantwortung der kommunalen Jugendämter.

Der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst, Karl Materla, sieht keine strukturellen Probleme, doch er räumt ein, dass es in seltenen Fällen zu falschen Einschätzungen kommen könne. Materla fordert Veränderungen - etwa bessere Beschwerdemöglichkeiten für betroffene Elternteile.

Aktuell wird genau darüber diskutiert. Im Frühjahr will Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) eine Reform des Kinder- und Jugendhilfegesetzes vorlegen. Künftig sollen Eltern und Kinder mehr in die Entscheidung einbezogen werden. Wie genau das aussehen soll, wird erst der Gesetzesentwurf zeigen.

Stand: 12.01.2020, 20:50