Ex-Geheimdienst-Chef: Sogar Drucker werden für Cyber-Attacken genutzt

Stand: 13.06.2021, 06:00 Uhr

Teil 2/2 - Die Angriffe sind teils staatlich, teils kriminell oder beides

WDR: Was sind typische Einfallstore für Angreifer?

Schindler: Ganz typisch ist nicht der direkte Zugriff auf das Firmennetz oder auf das Ministeriumsnetz, sondern beispielsweise über den Laptop eines Mitarbeiters, wenn er im Homeoffice ist oder über die Telefonanlage oder über den Drucker. Und weil Sicherheit ja oftmals vernachlässigt wird - Sicherheit ist teuer - sind die Einfallstore groß.

WDR: Wir haben auch Gruppen, die im Auftrag von Geheimdiensten angreifen. Was ist deren Motivation?

Schindler: Staaten wie beispielsweise Nordkorea oder Russland bedienen sich sogenannter halbstaatlicher Gruppen, weil man mit dem Aufbau eigener Angriffs-Spezialisten noch nicht so weit ist.

Wir stellen fest, dass beispielsweise Nordkorea genauso agiert wie organisierte Kriminalität. Im Auftrag des Staates wird spioniert, aber auch erpresst, um beispielsweise das nötige Geld herbei zu schaffen, dass Nordkorea so dringend braucht.

WDR: Könnten Cyber-Attacken bei zwischenstaatlichen Auseinandersetzung künftig noch eine viel größere Rolle spielen?

Schindler: Beispielsweise gab es 2007 einen groß angelegten Angriff auf Estland, wo Systeme lahmgelegt worden sind in Ministerien, beim Parlament, aber auch in Banken. Oder 2008 im Rahmen des Georgien-Krieges zwischen Russland und Georgien haben wir gesehen, dass Systeme in Georgien lahmgelegt worden sind. Aber auch mit dem Computervirus Stuxnet 2010 mit dem Ziel, die iranische Urananreicherung lahmzulegen.

Und es ist völlig klar, dass eine zukünftige Auseinandersetzung nicht nur militärisch stattfindet, sondern auch auf diesem Feld mit Cyber-Angriffen. Oder aber es wird nur mit Cyber-Angriffen gearbeitet - weil es eben so schwer ist, sie abzuwehren und zu identifizieren.

WDR: Ist Deutschland auf so etwas vorbereitet?

Schindler: Sicherheit kostet Geld und wird oftmals nicht mitgedacht bei neuen, vernetzten Anlagen. Insofern wird die die Lage in Deutschland aber auch in vielen anderen westlichen Ländern von Tag zu Tag eben nicht besser, sondern leider von Tag zu Tag schlechter. Denn die Möglichkeiten, angegriffen zu werden, steigen mit der zunehmenden Vernetzung.

Aber den Sicherheitsbehörden fehlen auch die Module, um gut und rechtzeitig Angriffe abwehren zu können. Beispielsweise haben wir in Deutschland immer noch nicht die Möglichkeit des sogenannten Hackbacks. Das bedeutet, dass man die Server, von denen man angegriffen wird, identifiziert und lahmlegt und damit die Angriffe gegen unser eigenes Land stoppt. Die Schweiz beispielsweise hat eine solche Möglichkeit, Deutschland noch nicht.

WDR: Was muss politisch passieren?

Schindler: Wir müssen dafür sorgen, dass Sicherheit mitgedacht wird. Wir haben beispielsweise in Deutschland gut 1.500 sogenannte Hidden Champions. Das sind kleine, kleinste, aber auch mittlere Unternehmen, die in einem ganz speziellen Gebiet Weltmarktführer sind. Das ist deutsches Ingenieurwissen, das geschützt werden muss. Viele dieser Hidden Champions wissen gar nicht, dass ihre Kronjuwelen längst virtuell gestohlen worden sind.

Das heißt, wir brauchen in der Wirtschaft ein anderes Verständnis für die Sicherheit. Und wir brauchen eine bessere rechtliche Grundlage für die Sicherheitsbehörden, um Angriffe rechtzeitig vorher erkennen und abwehren zu können.

WDR: Brauchen auch die Staaten ein Umdenken?

Schindler: Wir stellen fest, dass Angriffe durch Cyber-Attacken eine beachtliche Wirkung und Schaden erzielen können. Verglichen mit konventionellen Mitteln sieht man: Wir haben viele völkerrechtliche Regeln, die beispielsweise klar definieren, wenn wir mit Raketen beschossen werden, ist das ein Angriff und man darf sie verteidigen.

Wenn man aber einen Cyber-Angriff hat, dann fehlen solche rechtlichen Regeln. Das heißt, die Völkergemeinschaft ist auf diese Gefahr überhaupt nicht vorbereitet. Und deshalb wäre es wichtig, dass wir im Völkerrecht vernünftige Regeln einziehen.

Während man früher eine große Armee haben musste, viele Panzer haben musste, viele Schiffe haben musste, um den Nachbarstaat, die Region oder die Welt in Angst und Schrecken zu versetzen, braucht man heute nur noch eine Handvoll versierter IT-Spezialisten, die das mindestens genauso gut können.

Das bedeutet wiederum, es werden Staaten auf die politische Weltbühne als Angreifer treten, an die wir heute noch nicht einmal denken. Und das ist eine große Gefahr für die Völkergemeinschaft.

Die Jäger der Netzverbrecher

die story 09.06.2021 43:57 Min. UT Verfügbar bis 30.12.2099 WDR Von Andreas Spinrath

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