Interview: Lockdown belastet die Psyche von Kindern

Einsames Kind schaut aus dem Fenster

Interview: Lockdown belastet die Psyche von Kindern

Der anhaltende Lockdown belastet immer mehr Kinder und Jugendliche. Das hat zum Beispiel Dr. Heiner Ellebracht, der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der DRK-Kinderklinik in Siegen bemerkt.

Dr. Heiner Ellebracht, Kinderklinik Siegen

Dr. Heiner Ellebracht

Dr. Heiner Ellebracht ist Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der DRK Kinderklinik in Siegen. Er beschäftigt sich schon länger mit den Folgen der Corona-Pandemie auf die Psyche der Kinder. Dabei hat er bemerkt, dass besonders der Lockdown nicht spurlos an ihnen vorbei geht.

WDR: Wie belastet der Lockdown die Psyche der Kinder?

Dr. Heiner Ellebracht: In der jetzigen Corona Krise gibts natürlich eine starke Zunahme körperlicher und seelischer Beschwerden durch die Schul- und Kita-Schließungen sowie die Kontaktbeschränkungen. Der Grund dafür sind die starken Einschnitte, die fehlenden Freizeit- und Spielmöglichkeiten der Kinder. Sie hängen oft viel zu lang vor dem Computer und dem Handy.

Ein kleines Kind umarmt ein Spielzeug

Das führt zu Konflikten, verstärkter Isolation oder auch einer große Enge in kleinen Wohnungen mit wenig Rückzugsmöglichkeiten. Oft werden auch Ängste der Eltern auf die Kinder übertragen. Das hat natürlich alles starke Auswirkungen. Die Kinder leiden teilweise an Hyperaktivität, emotionalen Problemen, Verhaltensproblemen. Aber auch psychosomatische Probleme, wie Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Einschlafprobleme kommen vor.

WDR: Was sind die größten Gefahren?

Ellebracht: Die größten Gefahren liegen aus meiner Sicht da, dass wenn der Lockdown noch sehr lange anhält, die kognitiven und motorischen Fähigkeiten eingeschränkt werden. Vor allem Jugendliche sind darauf angewiesen, dass sie mit Gleichaltrigen zusammenkommen und da ihre Erfahrungen machen. Da sehe ich ein Problem, wenn das nicht bald wieder anders wird.

WDR: Wird es zu Langzeitschäden kommen?

Ellebracht: Das können wir im Moment nur ganz schwer beurteilen. Wir sehen, dass Probleme auftreten. Ich halte die Resilienz von Kindern sehr hoch. Sie sind sehr stark und können einen Ausgleich schaffen. Trotzdem wird es Probleme geben. Wie diese genau aussehen, kann ich noch nicht abschätzen.

WDR: Was können Eltern tun?

Ellebracht: Das Allerwichtigste ist, dass Eltern für ihr Kind da sind. Eine vertraute Bezugsperson sollte in der Nähe sein, es sollte eine Struktur geben, wie feste Essens- und Schlafenszeiten. Das kann schon Sicherheit geben. Und Kinder sollten sich körperlich betätigen. Trotzdem aber auch mal entspannen und spielen können. Außerdem soll darauf geachtet werden, dass die Kinder nicht zu viel Zeit mit Medien verbringen.

WDR: Gibt es auch etwas Positives am Lockdown für die Kinder?

Ellebracht: Wenn die familiären Kontakte so gestaltet werden können, dass es in Ordnung ist, gibt es auch den Fall, dass sich Verbindungen und Beziehungen verbessern können. Sicherlich gibt es auch bei älteren Jugendlichen die Möglichkeit, dass sie viel stärker lernen, sich im digitalen Raum zu bewegen. Diese Fähigkeiten können sie später im Beruf gut nutzen.

Das Interview führte Annika Jürgens.

Hilfe gibt es auch bei folgenden Beratungsstellen:

  • Telefon- und Online-Beratung bei der NUMMER GEGEN KUMMER für: Kinder und Jugendliche: 116111, für Eltern: 0800- 1110550
  • Familienberatungsstellen im Landkreis, bei niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen
  •  Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie der DRK Kinderklinik Siegen: 0271/2345-412

Stand: 25.01.2021, 16:52