Tod in Polizeigewahrsam: Reul spricht von Tragödie

Handyvideo der Festnahme des später verstorbenen Mannes.

Tod in Polizeigewahrsam: Reul spricht von Tragödie

Dem Innenausschuss des NRW-Landtags hat Minister Reul Einzelheiten zum Tod eines 25-Jährigen in Polizeigewahrsam berichtet. Reul zeigte auch Verständnis für die Beamten.

Sogar der Verdacht der Vertuschung stand im Raum: Der Tod eines 25-Jährigen in Polizeigewahrsam in Wuppertal hatte für Aufsehen gesorgt - denn erst eine Woche nach dem Geschehen wurde er bekannt. Die SPD-Fraktion machte die Todesumstände am Donnerstag zum Thema im Innenausschuss des Landtags.

Reul: "Tod macht betroffen"

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte: "Unabhängig von den Umständen macht der Tod eines so jungen Menschen immer betroffen." Sein Mitgefühl gehöre den Angehörigen. Aber er zeigte auch Verständnis für die ebenfalls jungen Polizeibeamtinnen und -beamten, die gemeinsam mit einem Arzt "alles versucht haben, um das Leben zu retten". Auch sie seien durch den Vorfall belastet.

Die Einzelheiten der Vorgänge

Dann schilderte der Minister die Abläufe am 1. November, als der 25-Jährige in Polizeigewahrsam verstarb: Gegen 5:20 Uhr hätten eine Polizeibeamtin und ihr Kollege von der Polizeiwache in Wuppertal-Elberfeld folgende Szene beobachtet: Neben einem Taxi und dessen Fahrer habe ein Mann auf einer Frau gelegen, die offensichtlich verletzt war und geschrien habe.

Später habe sich herausgestellt, dass es die ältere Schwester des Gewalttätigen war. Die beiden Beamten hätten versucht einzugreifen und seien ebenfalls angegriffen worden. Erst mit einer herbeigerufenen Verstärkung von vier weiteren Beamten sei es gelungen, den Mann mit Handschellen und Kabelbindern zu fixieren. Dabei sei die Gegenwehr des 25-Jährigen so heftig gewesen, "dass die Handschellen verbogen waren", so Reul.

Bewusstlosigkeit und vergebliche Reanimation

In der Polizeiwache habe er sich beruhigt und die Handschellen hätten wieder abgenommen werden können. Wegen des Verdachts auf Drogenkonsum sei ein Arzt hinzugezogen worden, der eine Blutabnahme vornehmen wollte. Dagegen habe sich der 25-Jährige mit Tritten gewehrt und versucht, einer Beamtin in die Hand zu beißen. Deshalb sei er für die Blutabnahme erneut fixiert worden.

Während der Abnahme sei er bewusstlos geworden. Eine Stunde lang hätten der Arzt, die Polizeibeamtinnen und -beamten sowie ein hinzugerufener Notarzt versucht, den Bewusstlosen zu reanimieren. Gegen 7:25 Uhr sei der 25-Jährige verstorben.

Die Stunden nach dem Tod

Unmittelbar danach, so schilderte es der Innenminister, sei ein Todesermittlungsverfahren durch die Polizei in Hagen eingeleitet worden und die Pressearbeit mit der Staatsanwaltschaft Wuppertal abgesprochen worden. Auf Veranlassung des Oberstaatsanwalts sei entschieden worden, keine Informationen an die Presse zu geben. Reul wörtlich: "Das ist ein tragischer Fall, eine persönliche Tragödie und nichts, was man in den Medien breit treten sollte."

Oberstaatsanwalt Wolf-Tilman Baumert hatte zuvor gegenüber der Presse seine Zurückhaltung erläutert: Der Verstorbene sei im Vorfeld nie mit der Polizei aneinandergeraten. Er habe "offensichtlich einmal im Leben einen schweren Fehler gemacht. Und der bestand darin, Drogen zu nehmen. Und wenn das zum Tod führt und dann auch noch unter solchen Umständen, dass man vorher noch massiv randaliert, nämlich auf die eigene Schwester losgeht. Dann ist das etwas, das eine persönliche Tragödie darstellt."

Obduktionsergebnisse: Keine Gewalteinwirkung todesursächlich

Eine Vertreterin des Justizministeriums berichtete am Donnerstag im Landtag über die Ergebnisse der am 3. November durchgeführten Obduktion. Demnach gebe es "keine Hinweise auf todesursächliche Ursachen von außen". Die wahrscheinliche Todesursache sei ein Herzinfarkt oder eine andere Herzerkrankung in Zusammenhang mit dem Konsum von Drogen. Nach Angaben der Schwester habe der Verstorbene zuvor Wodka und vermutlich LSD konsumiert.

Die Opposition verstummt nach den Berichten

Obwohl die tödlichen Vorgänge in Wuppertal auf Antrag der SPD Thema im Innenausschuss war, hatte sie im Anschluss an die Berichte keine einzige Frage an den Minister - durchaus ungewöhnlich. Auch die beiden anderen Oppositions-Parteien, Grüne und AfD, meldeten sich nicht zu Wort. Es scheint, als seien mit den Berichten alle Fragen zu dem Fall für die Opposition beantwortet.

Schwester hat Anzeige gegen Polizei erstattet

Für die Schwester des Verstorbenen ist der Fall hingegen keineswegs erledigt. Sie hat nach WDR-Informationen inzwischen Anzeige gegen die Polizei erstattet.

Die Linke will Veröffentlichungspflicht per Erlass

Bereits vor der Sitzung des Innenausschusses hatte sich die außerparlamentarische Opposition zu Wort gemeldet. Die Linke NRW forderte am Donnerstag, dass sich die die Veröffentlichtungspraxis der Polizei- und Justizbehörden ändern müsse. Jules El-Khatib, stellvertretender Landessprecher, sagte: "NRW-Justizminister Biesenbach muss über einen Runderlass anordnen, dass alle Todesfälle in Polizeigewahrsam und Gefängnissen umgehend veröffentlicht werden und nicht erst infolge öffentlichen Drucks." Wenn Menschen sterben, die sich in Polizeigewahrsam und Gefängnissen befinden, sei dies für die Öffentlichkeit immer relevant.

Nina Eumann, ebenfalls Landessprecherin der Partei, dringt zudem auf "die Einrichtung von Stellen, an die sich Menschen wenden können, wenn sie Fälle von Polizeigewalt anzeigen wollen."

Toter in Wuppertaler Polizeigewahrsam

WDR 5 Westblick - aktuell 08.11.2021 04:17 Min. Verfügbar bis 08.11.2022 WDR 5


Download

Wuppertal: 25-jähriger Mann stirbt in Polizeigewahrsam Lokalzeit Bergisches Land 08.11.2021 28:33 Min. Verfügbar bis 09.11.2022 WDR Von Rüdiger Knössl

Stand: 11.11.2021, 17:32

Weitere Themen