Booster-Impfung nach vier Wochen: Massive Kritik an Landesregierung

Stand: 15.12.2021, 11:32 Uhr

In NRW sind Booster-Impfungen nun schon nach vier Wochen möglich. Doch Experten und Opposition laufen Sturm dagegen. Die Landesregierung steht massiv in der Kritik und will nun schnell nachbessern.

Von Christian Wolf

Menschen, die sich mit Pandemien auskennen, nennen immer wieder einen zentralen Punkt: Es müsse klar, verständlich und einfach kommuniziert werden. Dass die NRW-Landesregierung diesen Ratschlag nicht immer beherzigt, wurde schon mehrfach kritisiert. Nun ist eine weitere Episode hinzugekommen. Von einem "kommunikativen Desaster" ist die Rede.

Es geht um die dringend notwendigen Booster-Impfungen. Völlig überraschend wurde am Montagabend bekannt, dass in den Impfstellen von Kommunen und Kreisen bereits nach vier Wochen eine Auffrischungsimpfung möglich sei - statt der bislang fünf Monate. Dass es dafür einen neuen Erlass gebe, vermeldete aber nicht das NRW-Gesundheitsministerium, sondern die "Siegener Zeitung".

Die Meldung "Boosterimpfung in NRW schon nach vier Wochen möglich" machte schnell die Runde. Denn tatsächlich heißt es im Erlass: "Personen, bei denen die Grundimmunisierung weniger als fünf Monate zurückliegt, sind jedoch nicht zurückzuweisen und ebenfalls zu impfen - sofern ein Mindestabstand von vier Wochen erreicht ist." Allerdings wird danach auf "schwer immundefiziente Personen mit einer erwartbar stark verminderten Impfantwort" verwiesen.

NRW erlaubt schnelleres Boostern

WDR aktuell - Der Tag 14.12.2021 10:07 Min. Verfügbar bis 14.12.2022 WDR 3


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Wüst kündigt neuen Erlass an für Klarstellung

Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, redet bei der Pressekonferenz zu den abgesagten Karnevalssitzungen.

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst

Geht es also nur um eine kleine, bestimmte Gruppe oder gilt die neue Regel für alle? Auf einer Pressekonferenz auf den neuen Erlass angesprochen, konnte Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) die Wirrung am Dienstag nicht so ganz ausräumen. Er bestätigte zwar, dass Booster-Impfungen nun grundsätzlich nach vier Wochen möglich seien. Es gebe aber keine ausdrückliche Empfehlung dafür.

Man habe "schon die ganze Zeit" niemanden zurückgewiesen, der einige Tage oder Wochen vor Ablauf der fünf Monate nach der Zweit-Impfung einen Booster wollte. Nun habe man eine "Untergrenze" von vier Wochen eingezogen. Man empfehle jetzt aber nicht, "nach vier Wochen zu laufen".

Um nun doch noch für etwas mehr Klarheit zu sorgen, kündigte Wüst am Dienstag einen weiteren Erlass an - um "kommunikative Fragezeichen" zu klären. Dieser Erlass wurde am Mittwoch veröffentlicht.

Immunologe: Politik vermischt Dinge

Experten geben derweil klare Auskünfte. So sagt der Immunologe Carsten Watzl von der TU Dortmund, dass eine so frühe Booster-Impfung wenig Sinn mache. Denn: Vier Wochen nach der Zweitimpfung seien bestimmte immunologische Prozesse noch nicht abgeschlossen. Der Booster wirke dann viel schlechter.

Immunologe Prof. Carsten Watzl

Immunologe Carsten Watzl

"Die Politik hat hier zwei Dinge vermischt, die nicht vermischt werden dürfen", sagt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Bei den vier Wochen gehe es um eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission für Menschen mit geschwächtem Immunsystem, die auf die ersten beiden Impfungen nicht oder kaum reagiert haben. Bei denen müsse die Immunität erst einmal hergestellt werden.

"Bei allen anderen - und das ist die Mehrheit - möchte ich mit der dritten Impfung eine Verstärkung der Immunität erreichen", sagte Watzl. Dafür müssten bestimmte Prozesse nach den ersten beiden Impfungen aber erst abgeschlossen sein. Nach vier Wochen sei das noch nicht der Fall.

Mindestens vier Monaten warten

Was heißt das nun für all diejenigen, die sich noch boostern lassen wollen? Laut Watzl sind aus immunologischer Sicht vier Monate das Minimum. "Damit ist die Immunität viel besser als wenn ich nach vier Wochen erneut impfe." Die Entscheidung in NRW sei vermutlich aus Angst vor Omikron gefallen. Er halte sie aber "für nicht zielführend".

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein teilte am Dienstag mit, man halte eine generelle Verkürzung der Frist zum Boostern nicht für sinnvoll. Wenn Patienten in den Praxen der niedergelassenen Ärzte eine "solch extrem frühe Boosterung ohne medizinische Indikation" einforderten, dürften das die meisten ablehnen, sagte ein Sprecher.

SPD kritisiert "fahrlässige" Kommunikation

Angesichts der Verwirrung übt die SPD massive Kritik an der Landesregierung. SPD-Fraktionschef Thomas Kutschaty spricht von einem "kommunikativen Desaster". Man werde nun einen "Run auf Impfeinrichtungen und Ärzte haben". SPD-Gesundheitsexperte Josef Neumann sagte dem WDR: "So ein Erlass zu machen, ohne vorher eine Kommunikationsstrategie zu entwickeln, ist einfach fahrlässig."

Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach meldete sich zu Wort. "Es ist sicherlich problematisch, wenn jedes Bundesland beim Booster-Abstand demnächst andere Wege gehen würde", sagte der SPD-Politiker in Berlin. Es brauche einheitliche Empfehlungen. Medizinisch sei eine so frühe Booster-Impfung schwierig und werde auch von führenden Experten so nicht vorgetragen.