Warum ein Essener Virologe die Impfpflicht für Kitas, Schulen und Krankenhäuser fordert

Reihe bunter Gummistiefel in einem Regal, Kita Farbenfroh in Solingen

Warum ein Essener Virologe die Impfpflicht für Kitas, Schulen und Krankenhäuser fordert

Von Martina Koch

Für das Personal in Krankenhäusern, Schulen und Kitas fordert ein Virologe die Pflicht zur Corona-Impfung. Sie solle überall dort gelten, wo sich Menschen nicht selbst schützen können.

Dicht an dicht spielen die Kinder in der Kita Farbenfroh in Solingen - als gäbe es keine Pandemie. Oft sitzen sie auf dem Schoß ihrer Erzieherinnen. Die sind alle geimpft, um die Kinder zu schützen - aber auch sich selbst, wie Leiterin Karen Müller-Nölling erzählt.

Kita Farbenfroh in Solingen, Geschäftsführerin Ulrike Kilp

Ulrike Kilp, Geschäftsführerin Diakonie Solingen

Die Kita gehört zur Diakonie. Die betreibt in Solingen 12 Kitas. Aber nicht überall sind sämtliche Mitarbeiterinnen geimpft. Geschäftsführerin Ulrike Kilp versteht das nicht. Sie sagt, sie hoffe, dass die Politik Rahmenbedingungen schaffe: "Ich bin für eine Impfpflicht in Schule und Kita." Das vertrete sie auch innerhalb der Diakonie - nach Abwägung aller Risiken und Rechtsnormen.

Intensive Debatte über Impfpflicht

Angesichts steigender Coronazahlen bei Ungeimpften warnen Mediziner einmal mehr vor einer Überlastung der Intensivstationen. Ulf Dittmer, Direktor der Virologie am Uniklinikum Essen, fordert eine Impfpflicht in den Bereichen, wo sich Menschen eben nicht schützen können: im Gesundheitswesen, in Schulen und Kitas. Denn Kinder unter 12 Jahren können bislang nicht geimpft werden. "Wir wissen auch, dass immer wieder das Virus in solche Gruppen durch Erwachsene, eben durch Betreuer oder die Lehrer eingetragen wird", so Dittmer. Man könne eigentlich nicht mehr warten.

In Frankreich und Griechenland etwa darf im Gesundheitswesen nur noch geimpftes Personal arbeiten. Auch im Deutschen Ethikrat mehren sich Stimmen, die auch hierzulande zumindest eine offene Debatte über eine Impfpflicht in bestimmten Bereichen fordern.

Landesregierung gegen Corona-Impfpflicht

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hält die Debatte angesichts der hohen Impfbereitschaft des Kitapersonals für überflüssig. Es sei eine Frage der Ethik bestimmter Berufsgruppen, sagte Laumann dem WDR: "Es sollte selbstverständlich sein, dass sich diejenigen impfen lassen, die jeden Tag mit vulnerablen oder ungeschützten Menschen in Kontakt kommen und bei denen medizinisch nichts dagegen spricht." Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) ist ebenfalls gegen eine Impfpflicht für Lehrkräfte. SPD und Grüne sind da im Moment mit der Landesregierung einig.

Bislang gibt es keine genauen Zahlen über den Impfstatus des Personals in Kitas oder Schulen. Bei den Lehrkräften soll die Impfquote in NRW 87,5 Prozent betragen - das ergab eine freiwillige, anonyme Abfrage des Schulministeriums, an der allerdings nicht alle Lehrkräfte teilnahmen. Für die Kitas liegen nur Schätzungen vor: Stand Ende Juli sollten demnach etwa 87 Prozent des pädagogischen Kita-Personals einmal geimpft gewesen sein. Genau weiß das keiner.

Impfstatus darf bedingt abgefragt werden

Doch das könnte sich bald ändern: Nach Krankenhäusern und Pflege dürfen nun Arbeitgeber auch in Kitas und Schulen den Impfstatus abfragen. Der Vorsitzende des Städtetags NRW, Pit Clausen (SPD), begrüßt das. Als Bielefelder Oberbürgermeister und Arbeitgeber will er den Impfstatus in den städtischen Kitas abfragen. Dann würde er das Gespräch mit Ungeimpften suchen. "Wir können manche auch im Innendienst einsetzen", so Clausen: Die Städte als große Organisationseinheiten hätten eine Vielfalt von Einsatzmöglichkeiten für Ungeimpfte.

Erzieherin mit Kind auf dem Schoß, Kita Farbenfroh in Solingen

In der Kita: Nähe unvermeidbar

Die Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege NRW sieht das skeptisch: Im pädagogischen Alltag würden diese Personen dann fehlen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) lehnt die Auskunftspflicht genauso ab wie eine Impfpflicht. Das sei ein großer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, so GEW-Chefin Maike Finnern.

Impfung gegen Masern längst Pflicht

Dabei gibt es bei den Masern längst eine Impfpflicht: Wer heute in die Kita oder Schule geht, muss gegen Masern geimpft sein. Das gilt auch für Erwachsene. Nach jahrelangem Streit wurde diese Impfpflicht politisch durchgesetzt. Aus Sicht des Elternvereins NRW spricht deshalb nichts gegen eine Corona-Impfpflicht für bestimmte Bereiche. Aber auch unter den Eltern gibt es Impfgegner.

Ulf Dittmer, Direktor der Virologie am Uniklinikum Essen

Virologe Dittmer: Man kann nicht mehr warten

Im Fall der Masernimpfung wurde gegen die Nachweispflicht geklagt. Virologe Dittmer hofft bis Jahresende auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Dann habe man auch in Sachen Corona-Impfung eine klare Rechtsprechung, ob man in bestimmten Bereichen eine Impfpflicht einführen kann oder nicht.

Stand: 12.09.2021, 06:00