Flutkatastrophe in NRW: Innenminister gerät in Erklärungsnot

Flutkatastrophe in NRW: Innenminister gerät in Erklärungsnot

Von Nina Magoley

Nach der verheerenden Flut hat die Landesregierung einzelne Fehler eingeräumt. Das Ausmaß des Regens sei aber nicht zu erwarten gewesen, behauptet Innenminister Reul. Doch, sagt der Deutsche Wetterdienst.

Sechs Wochen nach der Hochwasserkatastrophe, die in der Eifel, im Rheinland und im südlichen Ruhrgebiet verheerende Zerstörung anrichtete und allein in NRW 48 Menschenleben kostete, hat die Landesregierung am Montag in einem Pressegespräch eine erste Bilanz gezogen. Es ging vor allem darum, ob die Landesregierung ausreichend schnell und richtig gehandelt hat.

Vor allem bei den zeitlichen Abläufen: Die Warnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) seien ordnungsgemäß weitergegeben worden, sagte NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU).

"Hydrologischer Lagebericht" blieb vielen vorenthalten

Allerdings gab es hier offenbar schon den ersten Haken im System: So werde die Unwetterwarnung des DWD an alle relevanten Stellen weitergeleitet - beispielsweise an alle Kreise und Städte, an das Lagezentrum der Landesregierung, an die Rundfunkanstalten -, während aber der ebenso wichtige "Hydrologische Lagebericht" vom Landesumweltamt (LANUV) nur an die zuständigen Wasserabteilungen gehe.

Für den Hydrologischen Lagebericht misst das LANUV kontinuierlich Niederschlag, Wasserstand in Gewässern und den Grundwasserstand. Er gibt also ein ziemlich genaues Bild von der Hochwasserlage. Zwar enthielten die Lageberichte erst ab dem 14. Juli spezielle Warnungen für Rur und Erft, warnten allerdings schon vor einem Anstieg der Wasserstände "sukzessive mit einer leichten zeitlichen Verzögerung über einen längeren Zeitraum". Die Tagesberichte aus dem Zeitraum der Flut veröffentlicht das Amt auf seiner Homepage:

Doch zum Beispiel bei der Bezirksregierung Köln kam dieser wichtige Lagebericht nie an. Das sei ein "Problem" in der grundsätzlichen Struktur, räumte Reul ein, künftig müsse sichergestellt sein, dass alle Beteiligten diesen Bericht erhielten.

Deutscher Wetterdienst: Regenmengen waren vorhersehbar

Innenminister Reul, Umweltministerin Heinen-Esser, DWD Chef Halbig bei einer Pressekonferenz

Bilanz zum Hochwasser: Reul, Heinen-Esser und DWD-Chef Halbig

Immerhin aber hätte das, was der Wetterdienst DWD an Warnungen lieferte, ausgereicht, um bei allen Verantwortlichen die Alarmglocken schrillen zu lassen. Das wurde aus der Aussage von Guido Halbig, dem Leiter des Essener DWD-Büros, am Montag deutlich: Schon ab Samstag, also vier Tage vorher, seien die Niederschlagsmengen "gut vorhersehbar" gewesen - und auch, dass der Regen großflächig herunterkommen und durch lokale Gewitter noch verstärkt würde.

Umweltministerin Heinen-Esser dagegen beteuert weiterhin, man habe zwar "lokal" mit starken Regenfällen gerechnet, nicht aber mit derart viel Niederschlag "in der Fläche". Das klang in den DWD-Vorhersagen offenbar anders.

Reul: "Großer Krisenstab" statt "blöder Debatte"

Aber selbst, als sich die Lage für alle erkennbar zuspitzte, verzichtete die Landesregierung darauf, einen für solche Situationen gedachten "Großen Krisenstab" einzurichten. Statt dessen gab es in Düsseldorf ledigliche eine Koordinierungsgruppe.

Er habe am Mittwoch in jener Woche mit Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) darüber beraten und von einem Großen Krisenstab abgesehen, erklärte Reul: "Die kleine Koordinierungsgruppe lief ja schon. An den Abläufen hätte sich nichts geändert." Aus heutiger Sicht "wäre ein Großer Krisenstab natürlich klug gewesen", fügte Reul ruppig hinzu, "dann hätte ich die ganze blöde Debatte jetzt nicht".

In den Wassermassen der Flut versunkene Autos in Erftstadt.

Von der Flut überrascht: Autofahrer in Erftstadt

Wann genau die Landesumweltministerin Kontakt mit Landeschef Laschet hatte, kann Heinen-Esser heute nicht mehr sagen. Nur so viel: Sie sei in der Nacht vom 13. auf den 14. Juli "in intensivem Austausch" mit der Staatskanzlei gewesen. Dennoch sei erst am Abend des 14. Juli "die Kurzfristigkeit des Ereignisses in seiner kompletten Wucht" bewusst geworden, räumte Heinen-Esser ein. Schließlich habe es sich um ein "vielleicht 10.000-jährliches Naturereignis" gehandelt.

Reul verspricht: "Wir müssen schneller werden"

Als fatal hat sich mittlerweile auch herausgestellt, wie unterschiedlich die zuständigen Landräte und Bürgermeister die Warnungen des Deutschen Wetterdienstes interpretierten. So stand die Stadt Stolberg am Mittwochnachmittag bereits unter Wasser, als in Erftstadt die Feuerwehr noch keine Reaktion zeigte. Dem WDR gegenüber hat die Feuerwehr in Erftstadt mittlerweile bestätigt: Man habe das Hochwasser in den Flüssen "anfangs nicht auf dem Schirm" gehabt.

In Zukunft müsse es möglich sein, Informationen schneller zu verbreiten, sagte Reul: "Wir sind einfach zu spät bei solchen Problemen, die wir jetzt haben." Auch müssten Unwetterwarnungen viel spezifischer auf die örtlichen Gegebenheiten berechnet sein , sagte Heinen-Esser. Auch im Münsterland seien während der Starkregen-Tage teils 40 Liter pro Quadratmeter in einer Stunde heruntergekommen. Dort sei das Wasser aber in der flachen Landschaft versickert. Kleine Flüsse wie Rur oder Erft dagegen fließen durch enge Täler mit felsigem Boden. Dort sei ein Wasseranstieg viel schneller bedrohlich.

Stand: 23.08.2021, 20:56