Laschet und die Heinsberg-Protokolle

Gangelt im Kreis Heinsberg, NRW

Laschet und die Heinsberg-Protokolle

  • Immer mehr Fragen zur Heinsberg-Studie
  • Hat die Landesregierung sie medial pushen lassen?
  • Studie unterstützt politischen Ziele des Ministerpräsidenten

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sorgt sich in Corona-Zeiten um die Wirtschaft in seinem Land. Das ist nachvollziehbar und seine Aufgabe. Bei dem Ziel, die strengen Lockdown-Regeln in NRW so bald wie möglich, wieder zu lockern, schien die sogenannte Heinsberg-Studie willkommene Nachrichten zu liefern. In der Studie erforscht der Virologe Hendrik Streeck von der Universitätsklinik Bonn die Corona-Verbreitungswege in Gangelt im Kreis Heinsberg.

Lockerungen auch auf Basis der Heinsberg-Studie

Unüblich für solch komplexe Forschungsprojekte, veröffentlichte Streeck am Gründonnerstag (09.04.2020) erste Zwischenergebnisse. Streeck betonte, die gesammelten Ergebnisse erfüllten bereits die Ansprüche der Weltgesundheitsorganisation. Es sei jetzt möglich, in die "zweite Phase einzutreten": die der "beginnende Rücknahme der Quarantänisierung “. Kurz: Die getroffenen Corona-Maßnahmen in Heinsberg wirkten und Laschets vorsichtige Forderungen nach einer Lockerung des Lockdowns seien vertretbar.

Für die Landesregierung reichte das offenbar als eine Grundlage für die Entscheidung zu mögliche Lockerungen: Man brauche "fundierte Begründungen" für die "Vorbereitung auf die Zeit nach der Krise", erklärte Laschet, daher sei man froh über die vorliegenden Ergebnisse.

Am Mittwoch (15.04.2020) verkündeten Bund und Länder erste Schritte in Richtung Lockerungen.

Seither mehren sich nicht nur unter Wissenschaftlern skeptische Fragen zu diesen Ergebnissen, aber auch dazu, was den Virologen Streeck dazu veranlasste, die halbfertige Studie jetzt schon zu veröffentlichen. Und warum die Landesregierung sie trotz begründeter Zweifel zum Maßstab nimmt.

Private PR-Firma bezahlt Werbung für die Studie

Ein weiteres pikantes Detail an der Studie ist, dass die Studie schon vor Abschluss mittels einer umfassenden Medienaktion beworben wurde: Auf Twitter und Facebook überschlugen sich bereits die positiven Meldungen dazu in einer regelrechten PR Kampagne. Gesteuert wird sie von der PR-Agentur Storymachine - deren Chefs und Gründer wiederum der Ex-Bild-Chef Kai Diekmann, Ex-Stern.de-Chef Philipp Jessen und der Eventmanager Michael Mronz sind.

Mit Mronz ist Laschet seit geraumer Zeit in engem Kontakt im Bestreben, Olympia 2032 nach NRW zu holen.

Nach eigenen Angaben hat die Landesregierung die "Covid-19 Case Cluster Study" mit 65.315 Euro unterstützt. In einer Kleinen Anfrage wollte die SPD-Landtagsabgeordnete Sarah Philipp wissen, wer die Agentur Storymachine beauftragt hätte. Die Antwort kam mit einem dehnbaren Satz: Darüber lägen "der Landesregierung keine eigenen Erkenntnisse vor". Weder Streeck noch die Uniklinik Bonn hätten demnach Geld dafür erhalten, dass die PR Agentur die Kommunikation zur Studie übernimmt.

Doch die ging in die Vollen: Auf Twitter und Facebook kreierte sie Accounts wie @Heinsbergprotokoll, unter denen die Ergebnisse veröffentlicht wurden. Auch die Pressekonferenz der Staatskanzlei wurde dort live gestreamt.

"Landesregierung Teil der Inszenierung"

Durch solch massive PR-Aktionen für ein öffentliches Projekt werde in der Öffentlichkeit ein Bild gezeichnet, "das wesentlich ist für die Akzeptanz der Studienergebnisse und der daraus resultierenden politischen Maßnahmen", kritisiert Philipp. Und die Landesregierung sei dabei "ganz offenbar selbst Teil dieser PR-Inszenierung". Sie glaubt, Laschet nutze die gegenwärtige Situation für "eine Art eigene Wahlkampfveranstaltung" für den CDU-Vorsitz, für den sich Laschet derzeit bewirbt.

Auf WDR-Nachfrage erklärte ein Sprecher der Staatskanzlei am Freitag (17.04.2020) dagegen, die Dokumentation sei "ohne Kenntnis der Landesregierung" erfolgt.

Der Deutsche Rat für Public Relations, eine Art freiwillige Selbstkontrolle der PR Branche, hat nun angekündigt, "die Kommunikation rund um die Heinsberg-Protokolle" genauer zu untersuchen, wie der Vorsitzende Lars Rademacher dem WDR sagte. Es gebe den Verdacht, dass die Absender der Veröffentlichungen verschleiert worden wären.

Deutscher PR-Rat: "Höchst ungewöhnliches Vorgehen"

Offensichtlich seien die Veröffentlichungen der Heinsberg-Studie "mischfinanziert", so Rademacher: Zwei Firmen weder aus dem medizinischen noch wissenschaftlichen Bereich gehören zu den Financiers. Dass außerdem die PR Agentur selbst auch noch Geld investiert haben soll, sei "höchst ungewöhnlich" und lasse den Verdacht einer "Pro Bono Kampagne" zu. Eine freiwillige Leistung von Profis also - in diesem Fall offenbar zugunsten einer NRW Landesregierung.

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Stand: 17.04.2020, 21:29