Akuter Lehrermangel - was bringen die Maßnahmenpakete der Landesregierung?

Westpol 13.02.2022 16:43 Min. UT DGS Verfügbar bis 13.02.2023 WDR

Warum die Grundschulen in NRW am Limit arbeiten

Stand: 14.02.2022, 14:23 Uhr

Seit Jahren leiden in NRW besonders Grundschulen unter fehlenden Lehrkräften. Dann kam auch noch Corona. Die Landesregierung versucht, dagegen anzukämpfen - oft vergeblich.

Von Anne Bielefeld und Anett Selle

Mittwochmorgen, 8.30 Uhr. Astrid Röwekamp schließt den Klassenraum der 2C auf: Niemand da, die Stühle sind hochgestellt. "Die ersten zwei Stunden fallen heute aus", erklärt sie. Kein Unterricht - weil die Schulleiterin keine Lehrkraft hat, die ihn machen könnte. "Dabei wollen wir den Kindern so viel mitgeben in ihren vier Grundschuljahren."

Die Schalker Regenbogen-Grundschule in Gelsenkirchen hat dasselbe Problem wie viele Grundschulen in Nordrhein-Westfalen: Zu wenig Lehrkräfte. Schon vor der Pandemie wurden Löcher in die Personaldecke gerissen. Nun kommt der Krankenstand im zweiten Pandemiewinter dazu.

Brandbeschleuniger: Corona

Lehrkräfte, die den Grundschulen fehlen, weil tausende Stellen unbesetzt sind, müssen von denen, die da sind, kompensiert werden. Vor der Pandemie habe man es mit Teamwork hinbekommen, sagt Schulleiterin Astrid Röwekamp. Irgendwie.

Aber Corona brennt aus, was noch da war. "Wir hatten diese Woche die Situation, dass im vierten Jahrgang von den vier Klassenleitungen drei erkrankt sind und nur noch ein Kollege da war." Der habe also für drei weitere Klassen die Vertretung organisiert, die Corona-Tests im Blick behalten, Eltern informiert: "Das ist nicht zu schaffen. Und das, obwohl die Kollegen jeden Tag wirklich alles geben."

Die psychische Belastung sei riesig. Unter anderem, weil man gezwungenermaßen immer hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibe. "Ich wundere mich, dass der Krankenstand so ist, wie er ist, und nicht noch mehr Ausfälle da sind. Ich weiß, dass viele Kollegen hier absolut am Limit laufen."

Einer dieser Kollegen ist Thorsten Benson, Lehrer an der Regenbogen-Grundschule. "Wenn ein System dünn besetzt ist und zusätzlich belastet wird, dann merkt man erstmal, wie schnell das Kartenhaus zusammenbricht", sagt er.

Grundschulen als Schlusslichter

Krankenstände und sonstige Ausfälle kompensieren, ohne dass die Qualität des Unterrichts leidet: Dafür braucht es eine Personalquote von mindestens 100 Prozent. Der Landesverband Bildung und Erziehung (VBE NRW) fordert 108 Prozent, um Bildung sicher zu gewährleisten. Im Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Landesregierung ist von einer "105-prozentigen Lehrerversorgung" die Rede. Doch laut NRW-Schulministerium lag die Quote an Grundschulen Anfang Dezember nur bei knapp 95 Prozent. Das sind 2.324 unbesetzte Stellen. Und da werden die Stellen, die nur durch Seiteneinsteiger oder Vertretungen gefüllt sind, gar nicht mitgezählt.

Flaschenhals Studienplätze

Aber warum fehlen so viele Lehrkräfte? Ein Grund ist, dass die Anzahl der Studienplätze nicht ausreicht, um so viele Lehrkräfte auszubilden, dass Pensionierungen und Berufsausstiege ausgeglichen werden könnten. Die Folge ist in Gelsenkirchen spürbar: "Es gibt einfach zu wenig ausgebildete Lehrkräfte, die sich bewerben könnten", sagt Schulleiterin Anja Röwekamp.

Seit 2017 habe ihre Schule auf zehn ausgeschriebene Stellen nur zwei Bewerbungen von ausgebildeten Lehrkräften bekommen. “In beiden Fällen hatten sie schon eine andere Stelle angenommen, bevor es hier überhaupt zum Bewerbungsgespräch gekommen ist.” Immerhin hat die Landesregierung inzwischen 700 zusätzliche Studienplätze für das Fach Grundschullehramt geschaffen.

Seiteneinsteiger lösen das Problem nicht

Bewerbungen von Menschen, die via Seiteneinstieg unterrichten wollen, bekomme die Gelsenkirchener Schule regelmäßig. “Die sind auch eine Bereicherung. Aber wir können sie nicht so flexibel einsetzen wie eine grundständig ausgebildete Lehrkraft.” Denn Seiteneinstieg bedeutet, nur das Fach unterrichten zu dürfen, für das man ausgebildet ist. Offiziell. WDR-Recherchen ergeben, dass Grundschulen in NRW sich mittlerweile teils darüber hinwegsetzen - aus purer Not. Die Alternative wäre ein immenser, dauerhafter Unterrichtsausfall.

NRW-Schulministerin Gebauer spricht bei einer Pressekonferenz.

"Solche Kuriositäten": Schulministerin Gebauer

Darauf angesprochen, sagt NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP): "Dass wir solche Kuriositäten an den Schulen haben, das glaube ich, ist dann doch eher die Ausnahme - gleichwohl wissen wir, dass wir eben die Grundschulen im Besonderen, aber auch andere Schulformen, unterstützen müssen."

Gebauers Versprechen

Als Schulministerin war sie angetreten, das Kartenhaus Grundschule zu stabilisieren. Tatsächlich habe man einiges getan innerhalb der Legislaturperiode, so ihr Ministerium: Mehr pensionierte sowie kurz vor der Pensionierung stehende Lehrkräfte schieben den Eintritt in den Ruhestand hinaus und arbeiteten weiter - insgesamt rund 1.000. Der Seiteneinstieg wurde erweitert um das Fach Englisch. Insgesamt hinzugewonnene Seiteneinsteiger seit 2017: Rund 1.000.

Grundschulen mit einem besonders ausgeprägten Personalmangel sollte gezielt geholfen werden, indem neue Lehrkräfte zeitweise einen Bonus von 350 Euro im Monat bekommen sollten. Dieses Angebot wurde bisher aber nur von 141 Lehrkräften angenommen.

Was nicht passiert ist, obwohl Yvonne Gebauer es versprochen hatte: Gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit. Obwohl ihre Ausbildung genauso lange dauert, wie beispielsweise die von Gymnasiallehrkräften, verdienen Grundschullehrkräfte weniger Geld. Warum sie es nicht geschafft hat, das gegen ihre Kabinettskollegen durchzusetzen - da bleibt die Schulministerin vage. "Es sind natürlich viele unterschiedliche Interessen an dieser Stelle unterwegs."

"Kein großer Wurf"

Wibke Poth, Vorsitzende des Hauptpersonalrats Grundschule im VBE NRW, erkennt an, dass sich etwas bewegt hat. Nur - genug sei es nicht. "Die Maßnahmenpakete beinhalten auf jeden Fall Maßnahmen, die gut und wertvoll sind. Aber der große Wurf ist eben nicht dabei gewesen.” Und ohne großen Wurf ginge es nicht mehr: Die Zeit, wo kleine Nachbesserungen gereicht hätten, sei verstrichen. “Wir bemängeln als VBE oft, dass Politik in Legislaturperioden denkt. Und das sind einfach zu kurze Zeiträume."

Damit kritisiert Poth auch die vorherigen Landesregierungen: "Die Planung des Personals ist über lange Jahre verschlafen worden. Wir hatten eine Zeit lang die Schulen gut besetzt und da hat man dann gedacht: So, jetzt können wir die Lehrerausbildung zurückfahren. Ja, und das fällt uns jetzt auf die Füße.

An der Regenbogen-Grundschule versucht Schulleiterin Astrid Röwekamp, die Belastung irgendwie zu verteilen. Und den Unterrichtsausfall – damit nicht immer die gleiche Klasse betroffen ist. “Sodass wir das Gefühl haben: Alle bekommen noch ein bisschen was ab, von dem, was noch da ist.”

Über dieses Themen berichten wir am 13.02.2022 im WDR Fernsehen: Westpol, 19.30 Uhr.