Giftiger Müll gefährdet Grundwasser in Schermbeck

Wiesenlandschaft mit Deponie im Hintergrund

Giftiger Müll gefährdet Grundwasser in Schermbeck

Von Jürgen Döschner

Neue Details zur umstrittenen Giftmüll-Deponie in Schermbeck: Ein neues Gutachten dokumentiert nicht nur erhebliche Risiken für das Grundwasser, sondern auch Versäumnisse der Behörden.

Über die Gefahren der Tongrube Schermbeck wird seit Jahren gestritten. Eigentlich sollte die Grube nur mit Bauschutt und anderen ungefährlichen Stoffen wieder aufgefüllt und das Gelände renaturiert werden. Doch am Ende wurde ein mehr als 75 Meter hoher Berg mit teils hochgiftigen Abfällen aufgeschüttet.

Insgesamt rund 13 Millionen Tonnen, darunter circa 25.000 Tonnen sogenannte Ölpellets der BP-Raffinerie in Gelsenkirchen.

Diese illegal eingelagerten Ölpellets hatten den Skandal an die Öffentlichkeit gebracht – und die Bürger der Umgebung in helle Aufregung versetzt. Sie wollten wissen, ob noch andere gefährliche Materialen in der Deponie lagern, und welche Risiken davon für Mensch und Umwelt ausgehen. Doch die Ölpellets sind nicht mehr die einzigen Giftstoffe, die in Schermbeck für Unruhe sorgen.

Brisantes Gutachten

Ursula Heinen-Esser, 14.06.2018

NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU)

Nach einem ersten, aus Sicht der betroffenen Bürger zu oberflächlichen, Gutachten hatte NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) im Jahr 2019 ein weiteres Gutachten in Auftrag gegeben. Dieses wurde am Mittwoch veröffentlicht und dürfte für erheblichen Zündstoff sorgen.

Denn die Gutachter kommen – anders als ihre Kollegen im ersten Gutachten - zu dem Schluss, dass es eine reale Bedrohung des Grundwassers durch Giftstoffe aus der Deponie geben könnte. Vor allem an den Rändern der Deponie könnte belastetes Sickerwasser austreten. Dabei spielen auch giftige Schwermetalle eine Rolle, die aus anderen Stoffen als den illegal deponierten Ölpellets stammen können.

Ministerin: keine "ganz akute Bedrohung"

Das neue Gutachten zeige, dass "zum Teil dringender Nachbesserungsbedarf" bestehe, sagte Umweltministerin Heinen-Esser dem WDR. Der Betreiber der Tongrube sei dafür verantwortlich, dass die Nachbesserungen erfolgen. Man werde das Gutachten jetzt an den Kreis Wesel übergeben. Der Kreis müsse mit dem Betreiber darüber reden, wo und was verbessert werden muss.

Eine "ganz akute Bedrohung" bestehe aber nicht, so die Ministerin. Aber wenn jetzt nicht gehandelt würde, könnten Gefährdungstatbestände beim Oberflächen- und Grundwasser vorliegen.

Defekte Messstellen

Ob und in welchem Maße das Grundwasser schon belastet wurde, konnten auch die Autoren des jüngsten Gutachtens nicht feststellen. Eine "qualifizierte Grundwasserüberwachung" sei in den vergangenen Jahren nicht erfolgt, "da die vorhandenen Messstellen technisch defekt sind", so die Gutachter wörtlich.

Dies ist nur eines von vielen Versagen der Betreiberfirma sowie der Genehmigungs- bzw. Aufsichtsbehörden, die in dem rund 400 Seiten starken Gutachten dokumentiert sind. Seitenweise wird aufgelistet, welche Dokumente fehlen – selbst solche aus dem laufenden Jahr.

Dabei geht es um Nachweise für die Umsetzung technischer Auflagen, Schadstoffanalysen der eingelagerten Abfälle oder schlicht um die Dokumentation der eingelagerten Stoffe überhaupt. Verantwortlich dafür sind neben der Betreiberfirma Nottenkämper der Kreis Wesel und die Bezirksregierung Düsseldorf.

Giftmüll gefährdet Grundwasser in Schermbeck

WDR 5 Westblick - aktuell 11.11.2020 05:28 Min. Verfügbar bis 12.11.2021 WDR 5


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Befürchtungen übertroffen

Die örtliche Bürgerinitiative, das "Gahlener Bürgerforum" erklärt in einer ersten Stellungnahme zu dem Gutachten: "Unsere Befürchtungen wurden nicht nur bestätigt, sondern sogar noch übertroffen." Sie fordern weitere Untersuchungen zum Inhalt und damit zum Schadstoffpotential der Deponie.

Auch die Gutachter empfehlen an vielen Stellen weitere Untersuchungen. Sie plädieren für eine umfassende Sanierung und Absicherung der Deponie bei ständiger Überwachung des Grundwassers – Kosten: mehr als 50 Mio. Euro.

Eine komplette Auskofferung wäre zwar die sicherste Variante – doch mit Kosten von bis zu einer Milliarde Euro aus ihrer Sicht nicht wirtschaftlich vertretbar.

Stand: 11.11.2020, 15:58

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