Experten diskutieren die Genschere im Landtag

Experten diskutieren die Genschere im Landtag

Von Christoph Ullrich

In der Europäischen Union ist die Forschung an der sogenannten Geschere Crispr/Cas erschwert. Im Landtag wurde debattiert, welche Probleme das für den Forschungsstandort NRW erzeugt.

Was passiert, wenn eine Technologie mit einem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist, aber in der EU - durch ein Gerichtsurteil - nicht wirklich erforscht werden kann? Auf diese vielleicht absurd wirkende Frage muss die Politik tatsächlich eine Antwort finden.

Der von der EU blockierte Nobelpreis

Es geht um die sogenannte Genschere Crispr/Casp, bei der einzelne Teile des Erbgutes - zum Beispiel bei Saatgut - so verändert werden können, dass dadurch schneller Resistenzen gegen Schädlinge oder Krankheiten bei Obst und Gemüse entstehen können, als man es durch Kreuzungen schafft.

Für dieses Verfahren wurden die beiden Entdeckerinnen im vergangenen Jahr mit dem Chemie-Nobelpreis geehrt. In der EU ist die Forschung auf dem Feld allerdings erschwert, nachdem der Europäische Gerichtshof 2018 mit Crispr/Cas bearbeitete Organismen als "gentechnisch verändert" einstufte und damit den strengen Regulierungen für die Gentechnik unterwarf.

CDU und FDP wollen offene Debatte

CDU und FDP im Landtag hatten schon vor der Vergabe des Nobelpreis diesen Umstand kritisiert und eine Debatte über die Genschere auf den Weg gebracht. Man wolle das Mittel möglicht frei von Ideologie diskutieren, heißt es in dem entsprechenden Antrag.

Eine Diskussion, die zahlreiche Sachverständige in der dazugehörigen Expertenanhörung im Landtag deutlich aufgriffen. Die Fragen der Abgeordneten gerieten am Montag auch zu einem Hilferuf der Wissenschaft nach besseren Forschungsmöglichkeiten. Die Planzengenetikerin Maria von Korff Schmising sagte, Freilandversuche auf Ackern sind aktuell nur schwer möglich.

Forscher fordern mehr Freiheiten

Es gebe zu hohe Hürden und die öffentliche Kennzeichung der Flächen führten dazu, dass Gegner der Gentechnik diese immer wieder zerstörten. Alleine dadurch verliere man international den Anschluss. Ulrich Schur vom Forschungszentrum Jülich stimmte seiner Professorenkollegin aus Düsseldorf zu. Gerade im Rheinischen Revier seien Forschungen mit Pflanzen, die robuster gegen Trockenheit seien, notwendig.

Der gelb-grüne Streit um die Genschere

WDR RheinBlick 19.03.2021 31:22 Min. Verfügbar bis 19.03.2022 WDR Online


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Mehrere Wissenschaftler verwiesen zudem darauf, dass der Einsatz der Genschere - zumindest durch Tests - nicht von Züchtungen und natürlichen Mutationen unterscheidbar sind. So sei es schwierig, Saatgut aus Nicht-EU-Staaten überhaupt einwandfrei zu kennzeichnen.

Warnung vor überhöhten Hoffnungen

Die Molekularbiologin Ricarda Steinbrecher aus Oxford warnte jedoch vor überhöhten Erwartungen. Sie warnte zudem vor den Folgen zu komplexer Eingriffe. Daher sei eine Regulierung notwendig, solange man nicht genau wisse, ob die Methode auch tatsächlich das hält, was sie verspricht. Dennoch nannte sie Crispr/Cas ein "fantastisches Mittel zur Forschung", aber sicher noch kein "Allheilmittel".

Die einzige grundsätzliche Ablehnung kam von dem Sprecher der Öko-Beratungsgesellschaft. Man könne durch natürliche Kreuzungen genauso gute Effekte wie die Genschere erreichen. Der Abgeordnete der Grünen, Norwich Rüße, erklärte nach der Anhörung, er sehe das ebenso.

Grüne dagegen, der Rest für mehr Forschung

"Es bleibt die Frage, ob der Einsatz dieser Technik der Landwirtschaft in Nordrhein-Westfalen nutzen würde", so der Grüne. Die allermeisten Menschen lehnten Gentechnik auf dem Teller ab, und insofern sei es fraglich, eine solche Technik einzusetzen.

Damit aber stand Rüße alleine - die Abgeordneten der anderen Fraktionen kamen aus der Anhörung mit der Erkenntnis, die Genschere müsse weiter offen erforscht werden. Dazu müssten auf EU-Ebene die Regeln verändert werden. Markus Diekhoff von der FDP sagte, es sei eindeutig, dass man hier eine Chance habe, die man nutzen solle. "Die Welt wird auf diese Innovation nicht verzichten, wir schneiden uns da ins eigene Fleisch", so der Freidemokrat.

Wie funktioniert die Genschere Crispr? Planet Wissen 23.09.2019 01:45 Min. Verfügbar bis 23.09.2024 SWR

André Stinka von der SPD-Opposition pflichtete den Regierungsfraktionen bei, "wir sehen die Chancen der Technologie", so Stinka. Die Signale in NRW stehen daher auf weitere Forschungen an der Genschere - ob das aber so ohne weiteres möglich ist? Der Landtag als Regionalparlament hat in dieser Frage wenig zu entscheiden. Das Thema müsste die Europäische Union als Ganzes beschäftigen.

Stand: 15.03.2021, 16:12

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