Hepatitis C: Zu wenig Therapien in NRW-Gefängnissen?

Radikalisierung in Gefängnissen

Hepatitis C: Zu wenig Therapien in NRW-Gefängnissen?

Von Jörg Stolpe

  • Jeder sechste Häftling mit Hepatitis-C-Virus infiziert
  • Im Gefängnis werden nur wenige behandelt
  • Mediziner warnen vor Ausbreitung

Stefan (Name geändert) saß in NRW zwei Jahre in verschiedenen Gefängnissen. Er hat jahrelang Heroin genommen. Kurz vor Haftantritt erfuhr er von seinem Hausarzt, dass er wahrscheinlich den Hepatitis-C-Virus hat. Stefan wollte sich untersuchen lassen und war auch zu einer Therapie bereit, sagt er. Doch im Westpol-Interview erzählt der Ex-Häftling, der Gefängnisarzt habe dies verweigert.

Hepatitis C gilt als heilbar

Wer in NRW im Gefängnis sitzt und ernsthaft erkrankt, wird im Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg behandelt. Die Versorgung sei "genauso gut wie draußen", sagt Jochen Woltmann, der ärztliche Direktor. Bundesweit sind etwa eine halbe Million Menschen mit dem Hepatitis-C-Virus infiziert - Tendenz steigend.

Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts hat jeder sechste Inhaftierte den Virus, also fast 3.000 in NRW. Der Virus wird meistens durch unsaubere Injektionsnadeln übertragen. Mit Therapie gilt Hepatitis inzwischen aber als heilbar.

Hepatitis C - der stille Killer

WDR 5 Leonardo Top Themen 28.07.2017 06:03 Min. WDR 5

Download

Doch wie viele Häftlinge werden in NRW überhaupt behandelt? Etwa 30 Patienten bewillige er pro Jahr eine Hepatitis-C-Therapie, sagt Woltmann. Die Vorwürfe, dass Therapien zurückgehalten würden, weist er zurück. Entscheidend sei der Zustand der Patienten.

Wer Alkohol- und Drogenprobleme habe, sei unter Umständen nicht therapiefähig. "Dann bin ich etwas restriktiver, weil ich mir sage: Dieser Patient ist im Moment zu instabil", so Woltmann. Das NRW-Justizministerium erklärt, in vielen Fällen sei die Haftstrafe zu kurz, um die Therapie durchzuführen. Und viele Gefangene wollten sich kein Blut abnehmen lassen.

Mediziner: Behörden verschärfen Ausbreitung

Für Mediziner verschärfen die Behörden damit die Ausbreitung von Hepatitis. Sabine Mauruschat, Allgemeinmedizinerin und Mitglied im Kompetenznetz Hepatitis, sieht Gefängnisse als idealen Ort für eine erfolgreiche Therapie bei Hepatitis-Patienten. "Sie haben ihn immer unter Auge, besser kann es eigentlich nicht sein."

Konrad Isernhagen von der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin verweist auf neue Studien, die zeigten, "dass selbst aktive Drogengebraucher erfolgreich behandelt werden können". Seit 2014 gibt es zudem neue Medikamente. Sie können die Patienten heilen, eine Therapie kostet aber bis zu 34.000 Euro. Gefängnisse sollten viel öfter Hepatitis-C-Patienten therapieren, empfiehlt das Robert-Koch-Institut.

Stefan hat die Therapie erst nach seiner Haft gemacht. Drei Monate lang, und alles noch rechtzeitig. Er gilt inzwischen als geheilt, Drogen nimmt er schon lange nicht mehr.

Stand: 23.06.2018, 06:30