Gebauers Aufholprogramm für Schulen stockt

Stand: 31.01.2022, 09:45 Uhr

An den Schulen in NRW endet das Halbjahr. Durch Corona haben viele Schülerinnen und Schüler große Rückstände, sozial und im Lernstoff. Ein Aufholprogramm des Schulministeriums sollte helfen. Das Geld ist da - aber die Umsetzung stockt.

Von Martina Koch, Niklas Schenk

Um die 1.000 Schüler und Schülerinnen gehen auf die Gesamtschule in Nettetal. Bei vielen von ihnen zeigen sich nun die Auswirkungen von zwei Jahren Corona-Pandemie, Quarantäne und Wechsel- oder Distanzunterricht. Zwar konnte der Präsenzunterricht in den vergangenen Monaten an der Ganztagsschule aufrechterhalten bleiben. Aber Schulleiter Leo Gielkens merkt nun, welche Spuren Corona hinterlassen hat.

"Im psychosozialen Bereich sehen wir Rückstände, in einzelnen Gruppen und Klassen bei uns an der Schule brechen immer wieder Konflikte", hat Leo Gielkens beobachtet. Um diese sozialen Rückstände, aber auch Lernrückstände aufzuholen, stellte das NRW-Schulministerium im August ein Aufholprogramm vor. Eine halbe Milliarde Euro umfasst das Programm "Ankommen und Aufholen nach Corona".

Eine Schulklasse sitzt mit offenem Fenster im Klassenraum

Symbolbild: Präsenzunterricht während der Pandemie

Ein halbes Jahr danach fällt ein erstes Zwischenfazit von Schulleiter Gielkens ernüchternd aus: "Insgesamt fangen wir mit konkreten Handlungsschritten und der Umsetzung jetzt erst an im zweiten Halbjahr." Das erste Halbjahr sei etwa geprägt gewesen durch eine aufwändige Personalfindung - durch das Programm kann die Schule auch befristete Kurzzeitstellen ausschreiben. Und mit der aufgestockten Personalstärke, so die Hoffnung, lassen sich dann auch die Rückstände der Schülerinnen und Schüler besser angehen.

Umfrage unter Kommunen: Geld ist überall angekommen

Die Redaktion der WDR-Landespolitik hat alle 396 Kommunen im Land angeschrieben, um zu erfahren, wie das Programm anläuft. 213, also mehr als die Hälfte aller Kommunen, antworteten. Vielen geht es so wie in Nettetal: Die Umsetzung des Aufholprogramms hakt noch gewaltig.

Halbjahreszeugnis für die NRW-Schulpolitik

WDR RheinBlick 28.01.2022 28:34 Min. Verfügbar bis 28.01.2023 WDR Online


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Dabei ist das Geld aus dem Förderprogramm überall schnell angekommen. Alle 213 Kommunen bestätigen dass die Landesmittel bereits eingegangen sind.
Allerdings haben nur 47 Prozent der Kommunen die geantwortet haben den Schulen bereits die Mittel auf deren Schulkonto überwiesen - viele Grundschulen beispielsweise haben allerdings kein eigenes Konto. Die Höhe der Fördergelder richtet sich fast überall nach den Schülerzahlen, nur elf Prozent haben nach Sozialindex benachteiligte Schulen mit mehr Geld bedacht.

Probleme mit dem Personal und den Bildungsgutscheinen

Probleme zeigen sich etwa bei der Personalsuche. Viele der Kommunen überlassen die Suche nach beispielsweise Schulsozialarbeitern oder Schulpsychologen externen Anbietern; diese tun sich vielerorts aber schwer, Leute zu finden. Die Suche nach Lehrerinnen und Lehrern läuft über das Land NRW, aber auch hier gibt es große Probleme ausreichend Mitarbeiter zu finden - der Lehrermarkt ist leergefegt. 15 Prozent aller Kommunen haben über das Geld aus dem Aufholprogramm trotzdem neue Leute angestellt, etwa Schulsozialarbeiter. Vier Prozent der Kommunen haben neue Arbeitskräfte eingestellt, um überhaupt erst einmal die Abwicklung des Förderprogramms "Aufholen nach Corona" zu organisieren.

Viel Aufwand bedeuten für die Kommunen die Bildungsgutscheine. Damit soll Nachhilfe finanziert werden, um Lerndefizite aufzuholen. 51 Prozent der Kommunen halten das Verfahren für zu bürokratisch - dabei hatte das Schulministerium bei der Vorstellung des Aufholprogramms eine unbürokratische Lösung versprochen.

Nachhilfe in der Pandemie: "Mehr Geld für Bildung"

WDR 5 Morgenecho - Interview 28.01.2022 06:37 Min. Verfügbar bis 28.01.2023 WDR 5


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Besonders gravierend: Die Bildungsgutscheine werden bislang praktisch nicht genutzt. Die Schulen sollen entscheiden, wer die Gutscheine bekommt. Einlösen können diese dann die Schüler bei einem extra vom Land zertifizierten Nachhilfeinstitut. Aber das Verfahren hat bis jetzt gedauert und nicht überall gibt es solche Bildungsanbieter.

Gebauer findet Bilanz bei Gutscheinen "sehr schade"

Im Ergebnis hat nur ein Drittel (32 Prozent) der Kommunen die Bildungsgutscheine bisher ausgegeben. Aber sie wurden bisher nicht eingelöst. Überhaupt geht nur eine einzige Kommune davon aus, dass wenige Gutscheine bereits verwendet worden seien.

Yvonne Gebauer wartet auf den Beginn der Schulausschuss-Sitzung.

Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP)

"Das wundert mich. Ich nehme das zum Anlass, tatsächlich hier auch dann nochmal nachzuhaken, weil das ist ja nicht mein Anspruch", sagt NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer im WDR-Interview zum Thema Bildungsgutscheine. Die bisherige Bilanz bei den Gutscheinen findet die Ministerin "sehr schade". In vielen anderen Bereichen ist das Programm laut Gebauer sehr gut angelaufen, so seien schon viele Gruppenmaßnahmen finanziert worden.

Kritik vom NRW-Städtetag und der Opposition

Laut Helmut Dedy, Geschäftsführer des Städtetages NRW, sei das Programm "mit großen Schwierigkeiten angelaufen. Wir wussten nicht so genau, was mit dem Geld eigentlich passieren kann. Deshalb haben wir auch erst spät beginnen können."

Sigrid Beer, Bündnis 90/Die Grünen.

Sigrid Beer, Bündnis 90/Die Grünen.

Sigrid Beer, schulpolitische Sprecherin der Grünen im NRW-Landtag, befürchtet, dass das Programm die Spaltung innerhalb der Schülerschaft nicht verhindern kann. "Die größte Befürchtung ist, dass die Kinder, die eigentlich wirklich Unterstützung brauchen, dass genau diese Kinder nicht erreicht werden und dass bildungsaffine Eltern vielleicht sogar eher nach den Bildungsgutscheinen fragen", so Beer. "Ungleichheit wird durch diese Verwendung der Mittel nicht abgemildert, sondern eher verschärft."

Jochen Ott, schulpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion in NRW, fordert Streichungen bei den Lehrplänen. "Ich glaube, die Kinder brauchen vor allen Dingen Zeit miteinander, um wieder nach vorne blicken zu können, weil die aktuelle Situation ist sehr belastend", so Ott.

Pandemie belastet kindliche Psyche

WDR 2 Das Thema 04.11.2021 03:41 Min. Verfügbar bis 04.11.2022 WDR 2


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Schulleiter fordert Verlängerung des Aufholprogramms

Solche Forderungen gibt es auch an der Gesamtschule in Nettetal. Auch Schülersprecherin Kiara Schmidt hofft auf "mehr Zeit und weniger Druck", um die Rückstände aus der Pandemie aufzuarbeiten. "Wenn das so weitergeht, glaube ich, dass viele Schüler das nicht mehr mitmachen. Weil ich merke auch in meiner Stufe, die machen sich so einen Druck."

Geplant ist bislang, dass das Aufholprogramm am Ende des Jahres ausläuft. Schulleiter Leo Gielkens fordert ein Umdenken: "Das Programm muss länger laufen, weil wir da langfristig dran arbeiten müssen, was das Aufholen und Ankommen nach Corona angeht."