Die Geschäftsmodelle der neuen Arbeitswelt

Lieferwagen mit Schriftzug der Firma

Die Geschäftsmodelle der neuen Arbeitswelt

  • Getränkelieferdienst Flaschenpost in der Kritik
  • Konflikte um Betriebsrat und Kündigungen
  • Arbeitsforscher rügt Geschäftsmodell

Sie kommen hip daher: Start-up-Unternehmen, die ihre Leistungen per App im Netz anbieten. Sie liefern Päckchen, Pizza, Getränke oder bieten Fahrdienste. Doch die Jobs, die sie bieten, sind oft alles andere als hip. Leistungsdruck, knallharte Vorgaben, der Verdienst an der Grenze zum Mindestlohn und kaum soziale Absicherung.

Die schöne neue Arbeitswelt - wie sie funktioniert, zeigt ein Beispiel aus NRW. Flaschenpost heißt die Firma, die ohne Aufpreis Getränke in die Wohnungen schleppt und nach Gewerkschaftsangaben eine Betriebsratsgründung behindert.

Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), 05.06.2018

NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)

Landesarbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) nennt Zustände, wie die Gewerkschaft sie schildert, ganz offen eine Sauerei. Er will nun das Gespräch mit den Beteiligten suchen. Flaschenpost teilte dem WDR mit, man habe die Betriebsratswahl nicht verhindert, noch werde man dies in Zukunft tun. Anschuldigungen der Gewerkschaften weise man aufs Schärfste zurück.

Was ist dran an den Vorwürfen? Wir wollen uns in der Düsseldorfer Niederlassung von Flaschenpost selber ein Bild machen. Doch als wir nachfragen, will kein Verantwortlicher mit uns reden - nicht mal Bilder sind erlaubt. Ein Flaschenpost-Fahrer aber möchte was sagen. Mit ihm verabreden wir uns ein paar hundert Meter entfernt von der Lagerhalle.

Kleines Geld, harte Arbeit

Lieferwagen mit Schriftzug der Firma

Lieferwagen mit Schriftzug der Firma

Es ist Robert Kaminski, seit drei Monaten schleppt der 51-Jährige Getränkekisten - rund 100 am Tag - oft in die oberen Etagen von Altbauten ohne Aufzug. "Wenn man dann unten ist, ist man dermaßen kaputt, dass man trotzdem weiter fahren muss, sich auf den Verkehr konzentrieren muss", sagt er. Und das für kleines Geld: "Wenn wir Trinkgelder nicht bekommen würden, dann könnten wir nicht davon leben." Pro Stunde zahle die Firma den Fahrern 10,50 Euro - knapp über Mindestlohn.

Die Flaschenpost ist ein schnell wachsendes Unternehmen. 2016 gegründet hat es heute 22 Standorte und nach eigenen Angaben 4.000 Mitarbeiter. In Düsseldorf soll es noch andere Probleme gegeben haben - zu wenig Personal.

Damit es besser wird, tat sich die Belegschaft zusammen. Die Mitarbeiter wollten einen Betriebsrat gründen, der mitreden und Missstände abstellen soll. Für die Unterstützer der Idee hagelte es danach Kündigungen. Acht Team- und Schichtleiter mussten gehen. Nach Angaben der Firma, weil sie ihre Arbeit schlecht erledigt haben. Beschäftigte zweifeln dies an.

Forscher: "Betriebsrat wird als Kostenfaktor gesehen"

Und Flaschenpost ist laut Experten kein Einzelfall. Nach Gewerkschaftsangaben wurde in den vergangenen Jahren jeder sechste Versuch, einen Betriebsrat zu gründen, von den vermeintlich coolen jungen Unternehmern verhindert.

Ärger bei den Lieferdiensten "Flaschenpost" und "Foodora"

WDR Studios NRW 20.08.2019 00:39 Min. Verfügbar bis 20.08.2020 WDR Online

Auch Professor Gerhard Bosch vom Institut für Arbeit an der Uni Duisburg beobachtet, dass Sozialstandards zunehmend abgebaut werden: "Statt schöner neuer Arbeitswelt steckt knallhartes Kostendenken dahinter." Solche Start-ups seien oft gewerkschaftsfeindlich. "Der Betriebsrat wird als Kostenfaktor gesehen, der das Geschäftsmodell kaputt macht." Denn das Geschäftsmodell sei eben oft, das Arbeitsrecht nicht zu akzeptieren. Ein Betriebsrat sei für solche Firmen ein Störfaktor, denn er könne Kündigungen angehen, auf Lohnzettel schauen und Arbeitszeiten kontrollieren.

Stand: 23.02.2020, 06:00

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