Bremst Platzmangel die Rückkehr zu G9 aus?

Bremst Platzmangel die Rückkehr zu G9 aus?

Von Nina Giaramita

  • In NRW soll G9 wieder die Regel werden.
  • Für G9 müssten mehr Räumlichkeiten geschaffen werden.
  • Schulen im Land haben bereits jetzt massive Platzprobleme.

Nachdem die künftigen Koalitionäre verkündet hatten, dass das Land wieder zu G9, also zum Abitur nach neun Jahren, zurückkehren soll, hat in den Städten das Rechnen begonnen. In Köln hat die Schulverwaltung eine Modellrechnung entworfen - mit dem Ergebnis, dass die Wiedereinführung von G9 bis zu 150 zusätzliche Klassenräume erfordern würde.

Als Grundlage für die Kalkulation dienten die aktuellen Schülerzahlen, aber die Verwaltung schob bei der Veröffentlichung der Zahlen gleich hinterher: "In den kommenden Jahren werden deutlich mehr Schülerinnen und Schüler in den Eingangsklassen der Gymnasien erwartet. Der Klassenraumbedarf wird sich hierdurch entsprechend erhöhen." Darüber hinaus ergebe sich unter anderem ein erhöhter Bedarf an Fachräumen sowie an Räumlichkeiten für Differenzierungsunterricht.

Das Kölner Schuldezernat belässt es bei der Veröffentlichung der Zahlen. Eine darüber hinausgehende Bewertung der Entscheidung, zu G9 zurückzukehren, will man nicht vornehmen. Diese Aufgabe übernimmt dagegen Reinhold Goss von der Kölner Stadtschulpflegschaft, der örtlichen Interessenvertretung der Eltern. "Es gibt jetzt schon wirklich Kapazitätsprobleme", sagt er und prophezeit, dass viele Schulen von der Möglichkeit Gebrauch machen werden, G8 beibehalten zu können - aber "nicht aus pädagogischer Überzeugung, sondern aufgrund der Ressourcenfrage".

Bereits jetzt hohe Raumansprüche

Auch die Schuldezernentin aus Herne, Gudrun Thierhoff, treibt die Frage nach den Räumlichkeiten um. "Wir haben zurzeit sowieso schon deutlich höhere Raumansprüche", sagt sie. Der Anspruch an individueller Förderung sei insgesamt gestiegen - unter anderem durch die hohen Anforderungen im Bereich der Inklusion und Integration.

Darüber hinaus sei es für Herne - als Stadt, die sich in der Haushaltssicherung befinde - belastend, nun über zusätzliche Investitionen nachdenken zu müssen. "Das Geld wird uns an anderer Stelle fehlen", sagt die Dezernentin. Konkrete finanzielle Forderungen an das Land will Gudrun Thierhoff nicht stellen. "Die Bildungspauschale, die wir zurzeit vom Land bekommen, reicht jedoch nicht aus", so ihre Feststellung.

"Qualitative Abstriche" befürchtet

In Dortmund sagt Schuldezernentin Daniela Schneckenburger dagegen deutlich: "Es wird eng an den Schulen. Darum ist für mich auch vollständig klar, diese Leitentscheidung des Landes unterliegt der Konnexität. Das heißt: Wer die Musik bestellt, muss sie auch bezahlen. Wir erwarten, dass das Land die zusätzlichen Kosten für die Schaffung neuer Räume an den Schulen übernimmt." Bisher fehlen noch konkrete finanzielle Zusagen vonseiten der künftigen Landesregierung. Die bisherige hatte für die Schulen das zurzeit laufende Förderprogramm "Gute Schule 2020" aufgelegt.

Der "Sanierungsstau" sei jedoch längst nicht beseitigt, stellt Ulrich Meier von der Stadtschulpflegschaft Bonn fest. Er befürchtet aufgrund der Wiedereinführung von G9 "qualitative Abstriche" an den Schulen. "Fachräume werden dann wieder zu Klassenräumen umgewandelt", sagt er. Das werde vor allem in den Städten mit steigenden Einwohnerzahlen wie Köln und Bonn zum Problem, denn da platzten die Schulen ohnehin schon aus allen Nähten.

G9 als Elternwillen

Diese Sorgen macht sich Stefan Schraub vom Stadtelternrat in Bielefeld nicht. "Ja, es gibt großen Platzbedarf, aber das Problem wird sich in Bielefeld durch ein neues Schulzentrum lösen lassen", sagt er. Er hofft, dass sich sämtliche Gymnasien in der Stadt für die Rückkehr zu G9 entscheiden werden - entsprechend dem von ihm vernommenen Elternwillen. Georg Müller, Leiter des Bielefelder Schulamtes, hat jedoch vonseiten einiger Schulen anderes gehört: Es gebe "keine große Neigung", eine Rolle rückwärts zu machen.

Stand: 22.06.2017, 06:00