Wie der Fall Lügde die Polizei in NRW verändert

Wie der Fall Lügde die Polizei in NRW verändert

Von Thomas Drescher

Verschwundene Asservate, unkoordinierte Ermittlungen, stümperhafte Durchsuchungen, zweifelhafte Zeugenvernehmungen: die Liste der Pannen im Fall Lügde ist lang. Die der Konsequenzen auch.

Die schweren Ermittlungspannen im Fall des massenhaften Kindesmissbrauchs in Lügde haben die Polizei in NRW durchgeschüttelt. Die genauen Abläufe werden inzwischen in einem Untersuchungsausschuss aufgearbeitet. Schon jetzt aber gibt es Konsequenzen, die die Polizei in ganz NRW betreffen.

  • Die Stabsstelle für Kinderpornografie wurde im Innenministerium eingerichtet. Leiter ist der frühere Sonderermittler im Fall Lügde, Ingo Wünsch. Er hatte im Frühjahr 2019 die Pannen in der Kreispolizeibehörde Lippe untersucht. Die Stabsstelle soll Ermittlungen in Fällen von Kinderpornografie beaufsichtigen.
  • Im Zusammenhang mit dem Fall Lügde wurde bekannt, dass es in ganz NRW zahlreiche unbearbeitete Altfälle von Missbrauch und Kinderpornografie gibt. Beides tritt häufig zusammen auf, weil Täter ihre Verbrechen filmen. Ermittlungen sind aufwändig und langwierig, weil oft riesige Datenmengen zu sichten sind.

Grüne zu Stamps Kinderschutz-Konzept

WDR 5 Westblick - Interview 05.09.2019 05:59 Min. Verfügbar bis 04.09.2020 WDR 5

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  • Damit der Ermittlungsstau abgearbeitet wird, hat Innenminister Reul das Thema Missbrauch und Kinderpornografie zum kriminalpolitischen Schwerpunkt für die ganze NRW-Polizei erklärt. Das heißt: Für jeden Polizeipräsidenten und für jeden Landrat ist das Thema jetzt Chefsache. Die 47 Kreispolizeibehörden haben das Personal für die Bearbeitung von Missbrauchsfällen bereits aufgestockt.
  • Auch im Fall Lügde wurden gewaltige Mengen an digitalen Videos und Fotos beschlagnahmt. Ein Auszubildender war bei der Polizei in Lippe mit der Auswertung der Datenträger betraut worden – eine der zahlreichen Pannen. Die Auswertung von kinderpornografischem Material soll bis Ende 2020 von den Kreispolizeien zum Landeskriminalamt verlagert und dort zentral erledigt werden.
  • Für die Auswertung wird neue Technik und Software angeschafft, die Fotos und Videos etwa durch automatische Gesichtserkennung mit Aufnahmen von bereits bekannten Verdächtigen oder Opfern abgleicht. Oder die automatisch erkennt, ob es sich überhaupt um Kinderpornografie handelt. Ziel ist eine erhebliche Beschleunigung der Ermittlungen.
  • Bis Jahresende sollen 74 neue Angestellte bei der Auswertung des massenhaft anfallenden digitalen Materials helfen.
  • Beim Landeskriminalamt werden weitere 26 Stellen für Spezialisten in Sachen Missbrauch und Kinderpornografie eingestellt.
  • Der Einsatz verdeckter Ermittler wird in Sachen Kinderpornografie ausgeweitet. Dadurch soll der Druck auf die Szene steigen.
  • Die Fortbildung bei der Polizei zu Spezialisten für Kinderpornografie wurde ausgeweitet. Für das laufende Jahr gibt es 331 neue Lehrgangsplätze.

Stand: 05.09.2019, 06:00