Wahlboykott: "Mit wem will Erdoğan noch reden?"

Wahlboykott: "Mit wem will Erdoğan noch reden?"

Von Sabine Tenta

  • Türkischer Präsident Erdoğan ruft zum Wahlboykott von CDU, SPD und Grünen auf.
  • Experte sieht Belastung der deutsch-türkischen Beziehungen.
  • Einfluss auf Bundestagswahl sei wohl kaum spürbar.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hat am Freitag (18.08.2017) die türkischstämmigen Wähler in Deutschland dazu aufgerufen, bei der Bundestagswahl CDU, SPD und Grüne zu boykottieren. Er bezeichnete diese Parteien als "Türkeifeinde". Eine positive Wahlempfehlung sprach Erdogan nicht aus.

Yunus Ulusoy vom Essener Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung hat dieser Boykott sehr überrascht: "Mit so etwas hätte ich nicht gerechnet", sagte er dem WDR. Das sei extrem ungeschickt von Erdogan, denn es würde die deutsch-türkischen Beziehungen belasten, der Türkei und am Ende auch ihm selbst schaden.

Auswahl der Parteien überrascht

Verwunderlich ist, dass Erdogan bei der Aufzählung der "Türkeifeinde" die Parteien AfD und Linke nicht genannt hat, die sich immer wieder kritisch über die Politik von Erdoğan geäußert haben. Ulusoy vermutet, dass der türkische Präsident diese Parteien schlicht vergessen hat: "Trump regiert über Twitter und Erdogan aus dem Bauch heraus."

Einfluss auf die Bundestagswahl?

Auch wenn sich die Erdoğan-Anhänger von diesem Wahlboykott wohl beeinflussen lassen würden, schätzt Ulusoy nicht, dass es spürbare Auswirkungen auf die Bundestagswahl haben wird. Von den 1,2 Millionen türkischstämmigen Wahlberechtigten in Deutschland lebten schätzungsweise 350.000 in NRW, so Ulusoy. Dieser Wahlboykott sei viel schlimmer im Kontext der deutsch-türkischen Beziehungen: "Mit wem will Herr Erdoğan denn hier überhaupt noch reden?"

Stand: 18.08.2017, 16:22

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