Mehr Mitsprache für Eltern bei der Einschulung

Mehr Mitsprache für Eltern bei der Einschulung

In NRW wird nun auch über die Einschulungspraxis diskutiert. Die geistige Reife der Kinder spielt bislang keine Rolle. Die neue Landesregierung verspricht Besserung.

Eigentlich muss Julian nach den Sommerferien in die Schule. Der Junge geht in Dinslaken in einen Waldorfkindergarten und wird im September sechs Jahre alt. Damit gilt er als schulpflichtig. Doch seine Mutter glaubt, dass es für das Kind noch zu früh ist, um die Schulbank zu drücken.

"Es wäre ein Drama für Julian", sagt Claudia Jockschat im Gespräch mit Westpol. Ihr Sohn sei ein sensibles Kind und könne sich noch nicht so gut konzentrieren. Für den Schulalltag sei der Junge emotional noch nicht gefestigt genug. "Meine Sorge ist, dass er eine Angststörung entwickelt", sagt die Mutter.

Fehlende Schulreife kein Grund

Das Problem ist: In NRW gilt seit 2015 der 30. September als Stichtag für die Einschulung. Alle Kinder, die bis zu diesem Datum sechs Jahre alt sind, gelten als schulpflichtig. Über die Schultauglichkeit entscheidet nach einer Untersuchung ein Amtsarzt. Werden erhebliche gesundheitliche Probleme festgestellt - vor allem Körperliche - kann das Kind zurückgestellt werden. Eine fehlende Schulreife reicht nicht aus.

Eltern wollen Mitspracherecht

Das betrifft auch Julian. Es gibt keine Möglichkeit, die Einschulung um ein Jahr zu verschieben. "Das ärgert mich maßlos", sagt seine Mutter. Eltern hätten keinerlei Mitspracherecht, obwohl sie die Kinder am besten kennten.

Unterstützung erhält die Mutter von Christof Sturm. Der Facharzt für Kinder-und Jugendpsychiatrie hat Julian untersucht und ist sich sicher: "Aufgrund der bisherigen Entwicklungsgeschichte würde ich annehmen, dass sich bei diesem Kind eine Angststörung entwickelt, die es unter der Überforderung in der Schule erlebt." Es sei daher unverantwortlich, Julian jetzt einzuschulen.

Kinderpsychiater erkennt Veränderungen bei Kindern

Erstklässler sitzen im Unterricht

Ärzte sehen Folgen einer verfrühten Einschulung

Die Folgen einer verfrühten Einschulung sieht der Kinderpsychiater in seiner Praxis täglich. Sturm behandelt immer mehr Kinder, die in der Schule Probleme bekommen haben. "Als Folge einer Überforderung der zu frühen Einschulung sehen wir vermehrtes Auftreten von Tick-Störungen", sagt er. Kinder würden schlecht schlafen und klagten über Kopf- oder Bauchschmerzen.

Auch Lehrer beobachten immer mehr Auffälligkeiten. So haben Kinder Aufmerksamkeitsdefizite oder sind hyperaktiv. Sie werden dann mit Verdacht auf ADHS zum Arzt geschickt. Gesundheitsökonomin Amelie Wuppermann hat die ärztlichen Abrechnungsdaten von bundesweit sieben Millionen Kindern analysiert. Das Ergebnis: Wer seinen sechsten Geburtstag unmittelbar vor dem Stichtag zur Einschulung hat, bekommt häufiger eine ADHS-Diagnose.

Schwarz-Gelb will Rückstellung neu regeln

Exemplare des Koalitionsvertrages liegen in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) in der Landespressekonferenz auf dem Fußboden.

Im Koalitionsvertrag werden Änderungen in Aussicht gestellt

Auch in der Landespolitik ist das Thema mittlerweile angekommen. Laut Schulministerium wurden 2015 geschätzt rund 30.000 Fünfjährige eingeschult - 20 Prozent der Erstklässler. Die künftige schwarz-gelbe Landesregierung will die derzeitige Praxis ändern. Im Koalitionsvertrag haben sich CDU und FDP darauf verständigt: "Der Entwicklungsstand gleichaltriger Kinder unterscheidet sich oftmals. Die Form der Rückstellung soll sich daher an der Entwicklung des Kindes orientieren und ist neu zu regeln." Soll heißen: mehr Wahlfreiheit für die Eltern.

Für Julian käme eine solche Neuregelung, die frühestens zum neuen Schuljahr in einem Jahr wirksam würde, zu spät. "Ich hoffe, dass die Politik Ausnahmen möglich macht, es ist für jedes Kind ein Drama", sagt Mutter Claudia Jockschat. Unterstützung erhält sie dabei vom Netzwerk gegen Früheinschulung. In Gesprächen mit Vertretern von CDU und FDP wird derzeit versucht, auch Lösungen für Kinder zu finden, die demnächst zum neuen Schuljahr betroffen sind.

Mutter Jockschat kämpft noch auf einem anderen Weg für die Rückstellung ihres Sohnes. Am kommenden Dienstag ist sie vor dem Petitionsausschuss des Landtages geladen.

Stand: 25.06.2017, 06:00