A45- Rahmedetalbrücke zwischen Luedenscheid Nord und Luedenscheid

Droht NRW ein Brücken-Chaos?

Stand: 16.01.2022, 19:25 Uhr

Die Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid. Das Bauwerk von 1968 wird nie wieder befahrbar sein, muss abgerissen und neu gebaut werden. Die Brücke steht für ein grundsätzliches Problem der Brücken im ganzen Land, jede dritte Brücke ist sanierungsbedürftig.

Von Sebastian Galle & Per Quast

Aus dem Tal heraus wirkt die Brücke in 80 Metern Höhe schon im Normalfall bedrohlich. Nach der Sperrung und vor allem nach der Ankündigung der Autobahn GmbH, dass kein einziges Fahrzeug mehr die Brücke passieren darf, sind die Sorgen bei den Menschen noch größer geworden.

Jürgen Manz lebt und arbeitet in unmittelbarer Nähe. Jeden Tag muss er auf dem Weg zur Arbeit unter der Brücke durch. Für den 60-jährigen ein mulmiges Gefühl. „Das sind Sachen, da hat man sich früher überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Mein Gott, ich wohne seit 20 Jahren hier, die Brücke war da und fertig. Und jetzt, wenn man drunter hergeht, geht erst mal der Blick nach oben. Warum auch immer. Ist natürlich Blödsinn, warum soll ausgerechnet jetzt wo ich da hergehe das Ding zusammenstürzen.“

Schadensfall Brücken: Droht NRW ein Verkehrschaos?

WDR 5 Westblick - aktuell 17.01.2022 04:30 Min. Verfügbar bis 17.01.2023 WDR 5


Download

Wie viel Gewicht hält die Brücke noch?

Die Autobahn GmbH versucht zu beschwichtigen. Michael Neumann ist der zuständige Projektleiter. Die Brücke sei labil, aber durch ihr Eigengewicht nicht einsturzgefährdet. Ohne Verkehr sei die Brücke so weit sicher, sagt er. Sonst hätte man andere Maßnahmen ergreifen müssen. Bedeutet: auch im Tal wären sonst Gebiete gesperrt worden.

Doch was, wenn es in den nächsten Wochen vielleicht stark schneit und die Last der Schneemassen auf die Brücke drückt? Auch darauf sei man eingestellt, so Michael Neumann: „Sehr große Schneelasten würden ja einem Lkw oder Pkw gleichkommen. Das wäre dann das gleiche Ergebnis, und wir würden dann aber geeignete Maßnahmen ergreifen.“ Wie diese konkret aussehen sollen, wenn kein Fahrzeug mehr drüberfahren darf, sagt er nicht.

NRW und die sanierungsbedürftigen Brücken

Die Rahmedetalbrücke und die Vollsperrung sind ein Extrembeispiel für den schlechten Zustand vieler Brücken. In den 60er-Jahren gebaut, war sie ursprünglich für rund 25.000 Fahrzeuge täglich ausgelegt. Bis Anfang Dezember sind mehr als doppelt so viele über sie gerollt. Alleine 13.000 LKW täglich, und die haben heute ein deutlich höheres Gewicht als damals von den Ingenieuren kalkuliert.

Die Rahmedetalbrücke ist nur eine Brücke von vielen, die Experten Sorgen bereiten. Bauingenieur und Statiker Martin Mertens von der Universität Bochum geht davon aus, dass 30 Prozent aller Brücken in NRW sanierungsbedürftig sind. Risse im Beton, Verformungen im Stahl - die Probleme bei den Brücken, die vor 1980 gebaut worden sind, häufen sich. Für Martin Mertens wegen der täglichen Überlastung keine Überraschung.

Ein weiteres Problem sei, dass bei Sperrungen der Verkehr von komplett kaputten oft auf angeschlagene alte Brücken umgeleitet werde, das sorge dort für zusätzliche Belastung und könne auch nicht ewig gut gehen. "Wo es bei uns natürlich daran hakt, ist die große Verkehrsbelastung, die wir gerade in Nordrhein-Westfalen haben und im Grunde der Mangel an Verkehrswegen. Viele Strecken sind nicht gebaut oder nicht ausgebaut worden. Und letztendlich ist das eine politische Anstrengung der letzten 20 Jahre gewesen. Da sind Maßnahmen einfach verhindert worden und das rächt sich jetzt bei uns.“

Sprengung oder kontrollierter Rückbau?

Das Bundesverkehrsministerium, die Autobahn GmbH und das NRW-Verkehrsministerium wollen jetzt so schnell wie möglich die Brücke neu bauen. Im Raum steht die Dauer von etwa fünf Jahren. Doch der Zeitplan hängt maßgeblich davon ab, ob die Brücke gesprengt werden kann oder ob sie Stück für Stück rückgebaut werden muss. „Sprengen wäre natürlich von Vorteil und würde deutlich schneller gehen. Aber im Moment ist noch völlig unklar, ob das funktioniert. Das prüfen wir in den nächsten Wochen“, so Michael Neumann von der Autobahn GmbH.

Keine Sonderrechte für Brückenneubau

Für den Neubau der kaputten Autobahnbrücke will das Bundesverkehrsministerium keine Sonderrechte einräumen. Die aktuelle Rechtslage reiche dafür aus, so das Ministerium. Der Verkehrsausschuss des Bundestags hat sich in der vergangenen Woche für einen schnellen Ausbau der Rahmedetalbrücke ausgesprochen.