Diskriminierung im Amateurfußball: Rund 2000 Fälle in NRW registriert

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Diskriminierung im Amateurfußball: Rund 2000 Fälle in NRW registriert

Von Christian Hoch, Victoria Just, Paul Materne, Angelina Prehl

Rund 2000 Fußballspieler sahen sich in den vergangenen Jahren rassistischen Beleidigungen und verbalen Übergriffen ausgesetzt. Viele weitere Vorfälle werden in NRW offenbar nicht konsequent geahndet.

Im NRW-Amateurfußball sind rassistische und antisemitische Beleidigungen weiter verbreitet als bislang bekannt. Eine Westpol-Datenabfrage bei allen vier Amateurfußballverbänden in Nordrhein-Westfalen zeigt erstmals, in welchem Ausmaß das Problem bisher erfasst wird - und welche Fälle dabei kaum berücksichtigt werden.

Seit 2017 sind nach Angaben des Westdeutschen Fußballverbands (WDFV) insgesamt rund 2000 Diskriminierungsvorfälle in Nordrhein-Westfalen offiziell registriert worden. Das heißt: So häufig haben Schiedsrichter solche Beleidigungen und Gewalt auf dem Platz in Spielberichtsbögen festgehalten oder Vereine und Zuschauer den Verbänden gemeldet. Eine Unterscheidung nach Art der Diskrimierung erfolgt nach Verbandsangaben bis heute nicht.

Welche Fälle gar nicht erst in der Statistik landen

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Spieler Kosi Saka berichtet von rassistischen Beleidigungen

Doch bilden diese Fälle wirklich die Realität ab? Experten und betroffene Spieler berichten, dass eine systematische Erfassung weiterhin nicht erfolge. Soziologin Thaya Vester hat 2019 eine Studie zur Arbeit der Schiedsrichter gemacht. Sie sagt, Schiedsrichter meldeten einerseits Fälle, die auf dem Berichtsbogen nichts verloren hätten. "Auf der anderen Seite schaffen es viele Diskriminierungsvorfälle nicht in die Statisik."

Wie etwa bei Kosi Saka - der ehemalige Bundesligaprofi von Borussia Dortmund spielt bei den Sportfreunden Baumberg in der Oberliga Niederrhein. "Zu mir hat ein Schiedsrichter gesagt: Der Schwarze soll runter vom Platz.“ Ein Unparteiischer, der also eigentlich Beleidigungen mit ahnden soll, steht hier selbst im Verdacht. Er dementiert die Aussage getätigt zu haben. Der zuständige Fußballverband Niederrhein will den Fall nicht inhaltlich kommentieren, spricht von einem "laufenden Verfahren."

Setzen die Sportgerichte die Mindeststrafen durch?

Der WDFV verweist darauf, dass 2020 eine NRW-weite Anlaufstelle eingerichtet wurde, um problematische Vorfälle zu melden. Man dulde keine Diskrimierung - und ahnde solche Vergehen vor den Sportgerichten. Als Mindeststrafe für Diskrimierungsfälle würde laut Verband eine Geldstrafe von 500 Euro und eine "Sperrstrafe von nicht unter fünf Wochen" festgesetzt, sagt der Verband.

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Doch die Westpol-Recherchen zeigen: Einige Urteile fallen milder aus. Beispielsweise bei einem Pokalspiel des MSV Düsseldorf in diesem Jahr. Der Verein sagt dem WDR, ein Spieler der gegnerischen Mannschaft habe Spieler mit Migrationshintergrund als "asoziales Pack" beschimpft, die "erstmal deutsch lernen sollten."

"Bei der FIFA und der UEFA sind die Sperrstrafen höher"

Auch dem Sportgericht lagen diese Angaben vor. Doch das Kreissportgericht Düsseldorf sperrte den beschuldigten Spieler nur für zwei Spiele, verhängte gar keine Geldstrafe. Bei der Verhandlung führten die Gegner ins Feld, auch Spieler des betroffenen MSV Düsseldorf hätten provoziert.

Rassismus im Amateurfußball

WDR 5 Morgenecho - Beiträge 08.12.2020 03:10 Min. Verfügbar bis 08.12.2021 WDR 5 Von Paul Materne


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Für Experten ein klassischer Fall: Ausnahmeregelungen bei gegenseitigen Provaktionen erschwerten häufig die Verfolgung einzelner gefallener Äußerungen. Immer wieder sei auch die Beweislage generell dünn, sagt Kriminoligin Thaya Vester. "Sportrichter müssten da konsequenter vorgehen", findet Vester. Denn: "Bei der FIFA und der UEFA sind die Sperrstrafen höher."

Rassismus im Amateursport: ein ungelöstes Problem Westpol 06.12.2020 UT DGS Verfügbar bis 06.12.2021 WDR

Stand: 06.12.2020, 13:00