Ärger an Grundschulen: Schnelltests statt PCR-Einzel-Proben

Stand: 25.01.2022, 18:46 Uhr

Die Testlabore in NRW werten die PCR-Tests für Schulen nicht mehr komplett aus. Das NRW-Schulministerium setzt nun vermehrt Schnelltests ein. Die Grünen sprechen von "Chaos".

NRW stellt die Corona-Tests an Grundschulen um. Wie das Schulministerium am Dienstagabend mitteilte, sollen weiter sogenannte "Lolli"-PCR-Pooltests eingesetzt werden. Schülerinnen und Schüler eines negativ getesteten Pools sollen demnach "wie gewohnt am Präsenzunterricht teilnehmen".

Auf positiven PCR-Pool folgt Antigen-Einzeltest

Für Schülerinnen und Schüler eines positiv getesteten Pools dagegen gilt schon bald eine Neuerung: Sie sollen am nächsten Tag zu Unterrichtsbeginn in den Schulen mit Antigenschnelltests einzeln getestet werden. Alternativ können sie auch ein negatives Testergebnis von einer der vielen Bürger-Teststellen nachweisen.

Ohne negatives Schnelltest-Ergebnis können Schülerinnen und Schüler, die Teil eines positiven Pools waren, nicht mehr am Präsenzunterricht teilnehmen. Mit Blick auf den Beginn der Regelung hieß es in einer Mitteilung des Schulministeriums, dass die Corona-Test- und Quarantäneverordnung "kurzfristig" durch die Landesregierung geändert werden soll.

Für alle Förderschulen, unabhängig von ihrem Förderschwerpunkt, bleibt dagegen das bestehende Lolli-Testsystem vollständig in seiner jetzigen Form erhalten.

Laborkapazitäten werden knapp

Nach WDR-Informationen soll es sich bei dieser neuen Mischung aus PCR-Pooltest und Einzel-Schnelltest an den Grundschulen um eine Zwischenlösung handeln. Mittelfristig sollen die PCR-Tests an Grundschulen vollständig durch Antigenschnelltests ersetzt werden, verlautete aus Regierungskreisen.

Hintergrund sind wegen der hohen Corona-Fallzahlen die knappen Laborkapazitäten und die Bund und Ländern vereinbarte Konzentration der PCR-Tests auf vulnerable Gruppen. Die bereits am Dienstag ohne Vorankündigung an manchen Schulen erfolgte, plötzliche Änderung sorgt für Kritik und Ärger.

Kritik an Quarantäne-"Chaos"

NRW-Schulministerin Gebauer spricht bei einer Pressekonferenz.

NRW-Schulministerin Gebauer (FDP)

Die Grünen sprachen angesichts der Änderungen von "Chaos in den Schulen". Sie wollen Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) am Mittwoch im Landtag zur Lage befragen. "Wir erwarten, dass die Landesregierung in der Sitzung erklärt, welche Auswirkungen die begrenzten Laborkapazitäten auf die Testungen an Schulen haben und welche Konsequenzen sie daraus zieht", sagte die Grünen-Schulexpertin Sigrid Beer.

Keine Vorabinfo an Eltern

Bislang war es so, dass PCR-Tests an Grund- und Förderschulen in NRW flächendeckend durchgeführt wurden. Dabei machte jedes Kind in der Klasse zwei Tests: Einen für den Pool-Test, und einen für die eventuell nötige Einzeltestung. Um die Kapazitäten der Labore zu schonen wurde zunächst der Pooltest ausgewertet. War dieser Pool-Test einer Klasse positiv, mussten die Labore die Einzelproben von jeder Schülerinnen und jedem Schüler aus dem Pool separat untersuchen. Nur so lässt sich feststellen, wer aus dem Pool tatsächlich infiziert ist.

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Labore überlastet

Genau diese Einzelauswertung schaffen aber offenbar einige Labore jetzt schon nicht mehr - und stellten die PCR-Einzeltests in Eigenregie ein. Das Kölner Labor Wisplinghoff teilte mit: "Die anhaltend steigende Inzidenz zeigt sich leider auch weiterhin im Rahmen der Pooltestung der Schülerinnen und Schüler, sodass wir eine Positivrate von nunmehr über 25 Prozent der Pools zu verzeichnen haben. In Abstimmung mit der Projektsteuerung wurde daher die Analyse der Einzelteste (Poolauflösungen) für die positiven Pools von Montag ausgesetzt."

Die Folge: In Klassen mit positivem Pool-Test mussten bereits am Dienstag vielfach alle Kinder zu Hause bleiben. Als Vorsichtsmaßnahme, weil unklar war, wer genau infiziert war und wer nicht. Die Grünen bezeichneten dies als einen "faktischen Lockdown für tausende Kinder". Die Eltern waren darüber offenbar vorab nicht informiert worden.

Wie viele Schulen das betraf und ob es dazu schon Anweisungen an die Labore aus dem NRW-Schulministerium gegeben hat, blieb offen. Eine Anfrage dazu hat das Ministerium bislang nicht beantwortet.

Es hat mitgeteilt, dass inzwischen mehr als 20 Prozent aller Pool-Tests positiv sind. Diese Schülerinnen und Schüler sollen laut Ministerium ab sofort mit Schnelltests nachgetestet werden.

Zuvor hatte das Schulministerium bekannt gegeben, dass sich die Zahl der infizierten Schülerinnen und Schüler binnen einer Woche nahezu verdoppelt hat: Zum Stichtag 19. Januar waren es 18.042 Infizierte in der Schülerschaft.

Grundschulen hissen weiße Protest-Fahnen

Mit weißen Fahnen wollen unterdessen nach Angaben der Gewerkschaft GEW Grundschulen auf ihre Überlastung durch die steigenden Corona-Zahlen aufmerksam machen. "Mit der weißen Fahne zeigen wir: Wir kapitulieren jetzt bald", sagte der Geschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Michael Schulte, am Dienstag. Die weißen Bettlaken, Tücher und Fahnen seien ein Hilferuf nach kurzfristigen Lösungen. So könnte Fachpersonal beim morgendlichen Corona-Testen in den Klassen helfen.

Angesichts eines Anstiegs der Corona-bedingten Ausfälle von Lehrkräften sieht der Verband "lehrer nrw" eine dramatische Personallage. "Man muss kein Virologe und auch kein Mathematik-Genie sein um zu erkennen, dass flächendeckender Präsenzunterricht unter der Wucht der Omikron-Welle nicht aufrecht zu erhalten sein wird", mahnte der Vorsitzende Sven Christoffer. Der Verband forderte mehr Handlugnssspielraum für besonders betroffene Schulen, beispielsweise durch eine Kürzung der Stundentafel. Auch eine vorübergehende, punktuelle Abkehr vom Präsenzunterricht dürfe "kein Tabu mehr sein".