Corona-Inzidenzen steigen - aber sind Verschärfungen nötig?

Corona-Inzidenzen steigen - aber sind Verschärfungen nötig?

Von Christian Wolf

In NRW-Kommunen drohen wieder Beschränkungen. Doch sind die wirklich nötig? Die Aussagekraft der Inzidenzen ist durch die Impfungen anders. Minister Laumann will eine "neue Formel".

Als NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann Anfang Juli weitreichende Corona-Lockerungen verkündete, klang das fast so wie das Ende der Pandemie. Ein "Leben wie vor Corona" sei im Grunde wieder möglich und eine "weitgehende Rückkehr in die Normalität". Diskotheken könnten öffnen, Volksfeste seien möglich.

Schon damals gab es Kritik an den angeblich zu forschen Schritten in NRW und es wurde auf die ansteckende Delta-Variante verwiesen, die schon in anderen Ländern die Zahlen steigen ließ. Genau das passiert nun auch in NRW. Am Donnerstag kündigte Laumann an, dass angesichts der steigenden Zahlen ab Montag vermutlich in ganz NRW Inzidenzstufe 1 gelten solle - mit wieder etwas strengeren Regeln bei Maskenpflicht, Abständen und Zusammentreffen

Regeln in NRW sind an Inzidenzen gekoppelt

Denn noch immer ist es so, dass die Corona-Regeln in NRW an die Inzidenzen gekoppelt sind. Die meisten Freiheiten gibt es in der Stufe 0 mit Inzidenzen zwischen 0 und 10. Liegen die Zahlen zwischen 10,1 und 35, gilt Stufe 1. Danach kommt Stufe 2 bis zur Inzidenz von 50 und alles darüber gehört zur Stufe 3. Zwischen den Stufen gibt es ein paar Tage als Übergangsfrist.

Die Stadt Münster ist am Mittwoch von Stufe 0 wieder in Stufe 1 geklettert. Das führt unter anderem dazu, dass auf dem Wochenmarkt die Maskenpflicht gilt und die Zahl der Gäste in Schwimmbädern begrenzt wird. Auch in Düsseldorf bahnt sich eine Hochstufung an.

Je mehr Städte und Kreise demnächst in höhere Stufen mit strengeren Regeln kommen, desto mehr dürfte darüber diskutiert werden, ob allein die Inzidenzen dafür ausreichen. Denn rund 50 Prozent der Menschen in NRW sind mittlerweile vollständig geimpft. Selbst wenn die sich infizieren, werden wohl weniger schwer erkranken als vorher.

Intensivmediziner für Dreiklang

 Prof. Christian Karagiannidis, Präsident Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin

Christian Karagiannidis ist Präsident der Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin

Sind höhere Inzidenzen also nicht mehr so aussagekräftig? Ja und nein, würde der Kölner Intensivmediziner Christian Karagiannidis sagen. Die Inzidenzen seien zwar weiterhin wichtig, um die Infektionsdynamik in der Bevölkerung zu zeigen. Durch die Impfungen seien sie aber "nicht mehr ohne Weiteres übertragbar" darauf, wie viele Menschen schwer erkranken, sagte Karagiannidis am Mittwoch im ARD-Morgenmagazin.

"Das Verhältnis wird sich deutlich verringern durch die Impfquoten." Deshalb brauche es einen "Dreiklang" aus Inzidenz, Patienten im Krankenhaus und auf Intensivstationen. Im Moment sei die Belastung für die Krankenhäuser "extrem gering".

Virologe: Vermeidbare Infektionen verhindern

So sieht das auch der leitende Arzt eines Uniklinikums in NRW , solange es darum geht, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Um eine weitere schwere Welle zu verhindern, müsse aber weiter auf die Inzidenz geschaut werden, so der Virologe im Gespräch mit dem WDR.

Denn auch wenn sich jetzt vor allem jüngere Menschen häufiger mit SARS-CoV-2 ansteckten, bei denen die Wahrscheinlichkeit eines schweren Krankheitsverlaufs und somit auch eines Krankenhausaufenthalts eher niedrig sei. Sei es wichtig, steigende Inzidenzen zu verhindern. Über Covid-Langzeitfolgen sei noch immer zu wenig bekannt, um Erkrankungen, die eigentlich hätten verhindert werden können, in Kauf zu nehmen.

Inzidenzwert als Brandwache

Deshalb sei die Inzidenz als Instrument wichtig, um schnell auf eine sich verschärfende Situation reagieren zu können. "Das muss man sich vorstellen wie nach einem Feuer, bei dem die Feuerwehr die Brandstelle bewacht, um mögliche Glutnester gleich wieder löschen zu können, bevor diese das Feuer wieder anfachen", erklärt der Mediziner. Dadurch, dass das Coronavirus mittlerweile in der ganzen Bevölkerung verbreitet sei, gebe es zahlreiche kleinere Infektionsherde, die sich wieder ausbreiten könnten.

Durch den Inzidenzwert könne man schnell Maßnahmen ergreifen, sobald das Geschehen an Dynamik zunehme. "Und je früher man eingreift, desto geringer fallen diese Maßnahmen aus", so der Arzt.

Laumann will "neue Formel"

Ob der Mechanismus in NRW, der bislang rein auf die Inzidenzen basiert, geändert wird oder so bleibt, ist noch unklar. Das Gesundheitsministerium will sich dazu nicht konkret äußern. Minister Laumann sagte am Donnerstag im WDR-Interview: "Ich glaube, wir brauchen eine neue Formel." Diese solle aber nicht nur für NRW gelten, sondern "für ganz Deutschland". Das Robert-Koch Institut und die Ständige Impfkommission arbeiteten "mit Hochdruck" daran.

Laumann: "Gesundheitsversorgung in Flutgebieten sicher"

WDR 5 Morgenecho - Interview 22.07.2021 07:41 Min. Verfügbar bis 22.07.2022 WDR 5


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Stand: 23.07.2021, 21:30