Corona-Fälle in Flüchtlingsheimen nehmen zu

Corona-Fälle in Flüchtlingsheimen nehmen zu

Von Nina Magoley

  • St. Augustin: mindesten 130 Coronainfizierte in Flüchtlingsheim
  • Auch in anderen Unterbringungen Infektionen
  • Landesregierung wehrt sich gegen Vorwürfe

Wieder ist es in einer Flüchtlingsunterkunft zu einer starken Ausbreitung des Coronavirus gekommen. Am Montag (18.05.2020) war bekannt geworden, dass sich in einer Unterbringung in St. Augustin bei Bonn 130 Menschen infiziert haben. Die restlichen rund 170 Bewohner des Heims sollen sich laut Testergebnissen nicht angesteckt haben. Das hatte die Bezirksregierung Köln am Montag bekannt gegeben.

Auch in anderen Flüchtlingsheimen NRWs gab es bereits Coronainfektionen, die sich dort sehr schnell ausbreiten. So wurden in Euskirchen mehr als 50 von insgesamt 220 Bewohnern positiv getestet, in Mettmann bei Düsseldorf kam es in einem Flüchtlingsheim zu mehr als 30 Infektionen. In Marl waren in einem Haus Flüchtlinge und Sicherheitspersonal betroffen.

"Großer Zeitdruck"

Das NRW-Integrationsministerium verteidigte am Dienstag (19.05.2020) seine Strategie beim Infektionsschutz in Flüchtlingsunterkünften. "Zeitnah nach Bekanntwerden der ersten Fälle von Corona-Erkrankungen in Deutschland" haben man ein klares Unterbringungs- und Verteilungskonzept und zusätzliche Hygiene- und Quarantäne-Maßnahmen erarbeitet, ließ Minister Joachim Stamp (FDP) auf WDR-Anfrage wissen.

Umgesetzt werden müsse das Konzept von den jeweiligen Bezirksregierungen. Die aber hätten "unter dem großen Zeitdruck bei der quantitativen Menge sowie der Einhaltung qualitativer Standards (z.B. Hygienevorgaben, Bereitstellung von Liegenschaften, Aufstockung der Betreuungs- und Sicherheitsdienste) vor Ort nicht alles zeitgleich umsetzen" können.

Grüne fordern flächendeckende Test

Es fehle nach wie vor "an einem schlüssigen Konzept, wie die Belegung in den Heimen entzerrt wird", sagt dagegen die Grünen-Landtagsabgeordnete Monika Düker. Risikogruppen seien nicht geschützt, Testungen viel zu selten, "es fehlt an allem". Für sie käme der heftige Corona-Ausbruch in St. Augustin daher "nicht überraschend". Die Grünen forderten flächendeckende Corona-Tests in sämtlichen Unterkünften NRWs.

Dazu äußerte sich NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Dienstag im WDR zurückhaltend: Darüber wolle er gern "noch ein bisschen nachdenken". Bisherige Erkenntnisse zeigten, dass Tests nur da wirklich Sinn machen würden, "wo auch Fälle auftreten". Das entspreche den Empfehlungen des RKI.

Sammelunterkünfte seien in Pandemiezeiten aber generell problematisch, das räumte Laumann ein. Aber: "Wir können auch nicht alle Sammelunterkünfte schließen." Dass es bisher nur "wenige" Corona-Ausbrüche in Flüchtlingsheimen gegeben habe, zeige aber auch, dass die bisherigen Schutzmaßnahmen erfolgreich seien, so Laumann.

Risiko höher als auf Kreuzfahrtschiff

Einer neuen, bisher unveröffentlichten Studie der Uni Bielefeld zufolge könnten Flüchtlingsunterkünfte und Asylbewerberheime wegen der hohen Personendichte zu Hotspots für Corona-Infektionen in Deutschland werden. Das Infektionsrisiko in den dafür untersuchten Einrichtungen sei vergleichbar hoch oder sogar höher als auf Kreuzfahrtschiffen, sagen die Verfasser.

Auf den meist engen Gängen der Unterkünfte, bei gemeinsam genutzten Bädern,, Küchen und in Zimmern, in denen mehrere Personen leben, sei Abstandhalten de facto nicht möglich. Ein Corona-Fall würde unter diesen Umständen statistisch 20 Prozent der übrigen Bewohner infizieren, während das Risiko auf einem Kreuzfahrtschiff bei 17 Prozent liege.

St. Augustin ist nicht der Anfang

In der Einrichtung in St. Augustin lebten laut der Bezirksregierung Köln viele junge Menschen und Familien. Die negativ und die positiv Getesteten würden jetzt getrennt voneinander untergebracht, hieß es. Auch die Außenbereiche seien separat, das Essen werde ausschließlich auf den Zimmern eingenommen. Um die Belegung zu reduzieren und mehr Platz zu schaffen, seien bereits 61 negativ getestete Bewohner in andere Unterkünfte verlegt worden - darunter die Jugendherberge Bonn und eine Flüchtlingsunterkunft in Schleiden. Sie seien dort nun in Quarantäne.

Stand: 19.05.2020, 20:08