Wann hat wer gewarnt? - Eine Rekonstruktion

Wann hat wer gewarnt? - Eine Rekonstruktion

Von Felix Mannheim, Niklas Schenk

Wer hat wann vor dem Unwetter gewarnt? Und hätten mehr als 160 Tote verhindert werden können? Die politische Aufarbeitung der Unwetter-Katastrophe hat begonnen. Eine Rekonstruktion.

Montag (12.07.2021)

Die Warnungen waren spätestens seit Montag vergangener Woche (12.07.2021) unüberhörbar. Rekordregenfälle, Überflutungen. Mittlerweile ist bekannt: Drastische Vorhersagen des europäischen Hochwasser-Prognosesystems Efas gab es schon zu Wochenbeginn. Erste öffentliche auch: "Das ist das Problem der kommenden Tage. Wir haben ja jetzt schon hohe Flusspegel und die werden weiter steigen. Das kann richtig gefährlich werden", sagt Wetterexperte Sven Plöger im WDR-Fernsehen.

Um 17:55 Uhr gibt der Deutsche Wetterdienst (DWD) eine Unwetterwarnung heraus. Gewarnt wird vor "ergiebigem Dauerregen", teilweise seien "höhere Regenmengen zwischen 100 und 150 l/qm möglich". Gebietsweise sei mit einer "Hochstufung der Warnung zu rechnen".

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Der Deutsche Wetterdienst informiert die Hochwasserzentralen der Länder. In NRW ist die beim Landesamt für Natur- und Umweltschutz, kurz LANUV, angesiedelt. Das betont auf WDR-Anfrage am Montag (19.07.2021), damit sei seit Montag vergangener Woche klar gewesen, dass brisante Tage für NRW folgen. Das Amt informiert die Bezirksregierungen. Auch die Öffentlichkeit wird vom Wetterdienst gewarnt.

Dienstag (13.07.2021)

Die Talsperren in NRW laufen voll. Die Unwetter-Warnung müsste laut Lanuv inzwischen in allen Kommunen angekommen sein. Erste Flüsse treten über die Ufer. Die Anwohner, die die genauen Wetterdaten schon kennen, sind besorgt: "Gemeldet sind 160 Liter für unser Gebiet. Unglaublich. Gar nicht auszudenken. Ich hab wirklich große, große Angst." Doch noch ist es ein Warten - und längst nicht alle wissen, was droht. Weil nicht jeder Wetterwarn-Apps nutzt oder Medien verfolgt.

Um 9.40 Uhr versendet der DWD eine erste "extreme Unwetterwarnung". Bei Niederschlagsmengen zwischen "80 l/qm und 180 l/qm" seien "Hochwasser an Bächen und kleineren Flüssen sowie Überflutungen von Straßen möglich". Erdrutsche könnten auftreten.

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Mittwoch (14.07.2021)

Der DWD erweitert das betroffene Gebiet, für das eine "extreme Unwetterwarnung" vorliegt.

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Durch Starkregen kam es zu einem Erdrutsch. Die Straße wurde gesperrt.

Überschwemmungen in Altena

Spätestens jetzt zeigt sich: Die Städte gehen sehr unterschiedlich mit den Warnungen um, die sie erhalten haben. In Düsseldorf wird ein Stadtviertel geräumt - bevor die Düssel über die Ufer tritt. Doch an anderen Orten bleiben Menschen noch in ihren Häusern. Während die Pegel steigen. Und Hagen, Altena und weitere Orte schon überflutet sind. Vom Deutschen Wetterdienst gibt es immer genauere Warnungen, dennoch spricht die Landesregierung noch von "lokalen Ereignissen".

Donnerstag (15.07.2021)

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU, l) unterrichtet zusammen mit dem Hagener Oberbürgermeister Erik O. Schulz die Medien

Ministerpräsident Laschet mit dem Hagener Oberbürgermeister Schulz

In Wuppertal heulen in der Nacht zum Donnerstag die Sirenen. Anderswo bleibt es still - ob die Sirenen nicht aktiviert werden oder sie schlicht fehlen, muss jetzt untersucht werden. Ministerpräsident Laschet ist erstmals im Krisengebiet unterwegs - und lobt in Hagen die Verantwortlichen. "Als noch die Sonne schien und niemand erahnen konnte, dass so etwas passieren konnte, hat man hier die Vorbereitungen für den Krisenstab gefällt. Damit konnte eine größere Katastrophe verhindert werden." Beim Land hingegen gibt es keinen Krisenstab, die Koordinierung liegt im NRW-Innenministerium.

Freitag (16.07.2021)

Immer mehr Orte sind betroffen. Am Freitag reißt das Wasser Häuser in Erftstadt-Blessem in die Tiefe. Der Ort war evakuiert - doch nicht alle Bewohner hatten sich daran gehalten.

Montag (19.07.2021)

Es sei den Behörden offenbar nicht gelungen, allen den Ernst der Situation deutlich zu machen, gesteht NRW-Innenminister Reul ein. "Ich glaube, die Befindlichkeit bei uns ist, wir leben in einer Super-Welt. Katastrophen finden woanders statt, die gucken wir uns im Fernsehen an. Ich glaube, das ist das Problem."

47 Tote zählt NRW mittlerweile - obwohl es früh Warnungen vor dem Unwetter gab. Die Abläufe beim Katastrophenschutz müssen nun genau analysiert werden.

Hinweis in eigener Sache

Im Zusammenhang mit der Unwetterkatastrophe ist auch Kritik am WDR laut geworden, er habe nicht ausreichend informiert. Dazu erklärt der Sender:

Der WDR hat von Beginn an und fortlaufend die amtlichen Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes mit den jeweils betroffenen Gebieten in seinen Nachrichten vermeldet. Ab Mitternacht (15.07.2021), als sich die Situation verschärfte, haben wir durchgängig berichtet: auf 1LIVE und WDR 5 alle 15 Minuten. Auch auf den anderen Wellen haben wir alle 30 Minuten Sonderausgaben der Nachrichten gebracht und kontinuierlich auf WDR.de und über unsere digitalen Kanäle von WDRaktuell zur Situation in Wuppertal, Euskirchen und im Rhein-Sieg-Kreis informiert. Im WDR Fernsehen wurden Warnmeldungen über ein Laufband eingeblendet.

Wir teilen die Einschätzung, dass der WDR noch umfangreicher aus Wuppertal hätte berichten müssen, allerdings war das dortige WDR-Studio selbst so stark vom Unwetter betroffen, dass es ab 3 Uhr nicht mehr sendefähig war. Auch eine eigene Sondersendung von WDR 2 in der Nacht wäre im Nachhinein angemessen gewesen.

Stand: 20.07.2021, 21:18