CDU-Vorsitz: Rätselraten vor dem virtuellen Parteitag

CDU-Vorsitz: Rätselraten vor dem virtuellen Parteitag

Von Jochen Trum

Laschet, Merz oder Röttgen? Die außergewöhnlichen Umstände machen es schwer, einen klaren Favoriten für den CDU-Parteivorsitz auszumachen. Gewiss ist nur, dass nichts gewiss ist.

Gesichtsausdrücke, spontane zumal, verraten oft mehr als tausend Worte. Das war so auf dem Bundesparteitag der CDU im Dezember 2018 in Hamburg. Wer den Unglauben, ja, das Entsetzen in den Gesichtern vieler Anhänger von Friedrich Merz sah, als das knappe Ergebnis der Stichwahl verkündet wurde, konnte nur einen Schluss ziehen: Die Sache ist für die Union nicht erledigt, zumindest nicht hier und nicht heute.

Logo CDU, darunter Silhouetten von sechs Köpfen

Obwohl die Siegerin und neue Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer frenetisch gefeiert wurde, vor allem vom sehr kleinen, aber sehr lauten Landesverband Saar, blieb beim Beobachter der Eindruck zurück: Die Wahl ist zwar entschieden, die eigentliche Führungs- und Machtfrage aber nicht abschließend geklärt.

Politische Schleppnetzfischerei

Genau deswegen sind Parteitage für Journalisten so wichtig. Sie sind ein Jahrmarkt, mitunter der Eitelkeiten, aber vor allem der Gespräche und unmittelbaren Eindrücke. Eintausend Politikerinnen und Politiker, eingeschlossen mit hunderten Journalistinnen und Journalisten in einer großen Messehalle. Es gibt praktisch kein Entrinnen.

Ob im Vorraum an den Ständen der Sponsoren, in der Schlange an der Kaffeebar, in der Presselounge oder im Saal selbst - es gibt zig Gelegenheiten für kurze oder längere Gespräche, für Smalltalk oder politische Analysen im To-Go-Format. Das Flanieren durch die Reihen der Delegierten gleicht politischer Schleppnetzfischerei: jede Menge dicke Fische und kleine Fische und überraschender Beifang. So lief es letztes Jahr in Leipzig, 2018 in Hamburg und in all den Jahren davor. 

Allein vor dem heimischen Bildschirm

Das alles fällt diesen Samstag aus. Nichts davon wird es geben, weder für uns Journalisten, noch für die Parteipolitiker. Stattdessen hocken alle mehr oder weniger aufmerksam vor ihren Bildschirmen, allein, vielleicht in ganz kleiner Runde, und starren auf die Redner. Niemand kann sagen, was diese besonderen Bedingungen bei einem Wahlparteitag für Folgen haben werden. Außer vielleicht, dass bei den obligatorischen Grußworten noch weniger zugehört wird also ohnehin.

CDU-Vorsitz: Wer soll es werden?

WDR 5 Tagesgespräch 15.12.2020 45:05 Min. Verfügbar bis 15.12.2021 WDR 5


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Aber für wen diese Umstände von Vorteil, für wen sie von Nachteil sind, kann man nicht sagen. Können die guten Redner, zu denen gemeinhin Friedrich Merz gezählt wird, ihre Stärke ausspielen, so ganz ohne greifbares Publikum vor ihnen? Last-Minute-Absprachen zwischen Delegierten vor einer Stichwahl: Wie soll das laufen?

Nichts ist gewiss

Drei Kandidaten für den CDU-Parteivorsitz: Röttgen, Merz und Laschet

Norbert Röttgen, Friedrich Merz, Armin Laschet

Es mag an diesen außergewöhnlichen Umständen liegen, dass es so schwer ist, einen klaren Favoriten auszumachen. Wer derzeit viel herumtelefoniert in Unionskreisen, der weiß nur eins gewiss: dass nichts gewiss ist. Alle, auch die erfahrensten Strategen, tun sich schwer mit Vorhersagen. Hinzu kommt, dass der lange Wahlkampf zwischen Laschet, Merz und Röttgen zwar einige denkwürdige Momente kreierte, aber wenige konkrete und verlässliche Befunde lieferte. Genau genommen sind alle miteinander (fast) so schlau wie vorher.

Kein geschlossenes Abstimmungsverhalten

Armin Laschet, der Mann mit Regierungserfahrung, hat sicher große Teile der Delegierten aus NRW auf seiner Seite. Die Schätzungen schwanken zwischen 60 und 80 Prozent. Das ist nicht wenig, denn NRW stellt die mit Abstand meisten Delegierten. Ein Einzug in die Stichwahl ist deswegen Pflicht für ihn. Er gilt als leicht favorisiert.

Hinzu kommen Stimmen aus weiteren Landesverbänden, etwa Niedersachen und Schleswig-Holstein. Der Osten gilt für den Aachener hingegen als schwieriges Terrain, ebenso der Südwesten.

CDU-Vorsitz: "Laschet will in der Mitte bleiben"

WDR 5 Morgenecho - Kommentar 05.01.2021 02:34 Min. Verfügbar bis 11.01.2022 WDR 5 Von Sabine Henkel


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Baden-Württemberg scheint überwiegend zu Friedrich Merz zu tendieren, das gilt auch für den Osten der Republik. Norbert Röttgen, anfangs durchaus belächelt für seinen Griff nach dem Vorsitz, konnte wohl aufholen und bekommt sicher einige Stimmen aus NRW - wie vermutlich auch Merz. Vereinzelte Unterstützer Röttgens finden sich aber in der ganzen Republik. Ohnehin, so glauben Insider, wird es kein geschlossenes Abstimmungsverhalten nach Landesverbänden geben, zumal unter den besonderen digitalen Bedingungen.

Große Aufgaben

Zwei Männer begrüßen sich

Sicher ist allein: Der neue Chef ist männlich und Nordrhein-Westfale. Sicher ist auch, dass auf ihn große Aufgaben warten. Die Partei zu einen, die verschiedenen Strömungen zusammenzuhalten, die CDU programmatisch zu erneuern, sie auf die bereits heraufziehende Nach-Merkel-Ära vorbereiten. Das ist alles schon nicht einfach.

Dann auch noch eine Bundestagswahl zu gewinnen nach 16 (!) Regierungsjahren, ist ein Kraftakt. Und sollte das alles tatsächlich gelingen, wartet schon das nächste Großprojekt: die Landtagswahl in NRW im Frühjahr 2022. Vielen in der Union an Rhein und Ruhr ist klar, dass das kein Selbstläufer wird, so oder so. Die Christdemokraten erinnern sich noch mit Schrecken an die Niederlage 2010, nach nur fünf Regierungsjahren des Kabinetts Rüttgers. Das soll nicht wieder geschehen.

Fenster der Möglichkeiten   

Dazwischen muss allerdings noch geklärt werden, wer für die CDU die Kanzlerkandidatur in diesem Jahr übernimmt. Neben den drei Kombattanten um den Vorsitz sind Jens Spahn und Markus Söder im Gespräch. Dass alle, die sich für kanzlertauglich halten, jetzt mächtig mit den Hufen scharren und nichts unversucht lassen, ist verständlich. Denn eines lehrt die Geschichte der CDU: Wer einmal Kanzler wird, bleibt es, und zwar meistens für lange Zeit. Das Fenster der Möglichkeiten ist jetzt offen.         

Stand: 11.01.2021, 15:58

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