Nach Lügde wurde die Polizei umgekrempelt

Polizeiauto am mutmasslichen Tatort in Lügde

Nach Lügde wurde die Polizei umgekrempelt

  • Stabsstelle Kinderpornografie schuf neue Strukturen
  • Fall Lügde machte große Defizite bei der Polizei deutlich
  • Neue Rechner, mehr Personal, Fortbildungen und Supervision

Als Kriminaldirektor Ingo Wünsch am 23. April 2019 seinen neuen Job als Leiter der neuen Stabsstelle Kinderpornografie im Innenministerium die Arbeit aufnahm, wusste er schon um zahlreiche Defizite: Zu wenig Personal, veraltete Rechner und ein Berg von nicht bearbeiteten Fällen.

Genau ein Jahr später legte er am Donnerstag (23.04.2020), gemeinsam mit NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), eine Bilanz seiner Arbeit vor. Die Stabsstelle war nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in Lügde eingerichtet worden.

Zentrale Struktur im LKA

In den letzten zwölf Monaten haben Wünsch und seine Mitarbeiter die Ermittlungsarbeit komplett umgekrempelt. Es wurde eine völlig neue Struktur geschaffen, die zentral im Landeskriminalamt zusammenläuft.

Das entlastet und kontrolliert zugleich die einzelnen Kreispolizeibehörden im Land. Denn im Zusammenhang mit dem Tatkomplex in Lügde waren verhängnisvolle Versäumnisse in unteren Polizeibehörden bekannt geworden.

Die Lehren aus Lügde

WDR 5 Westblick - aktuell 23.04.2020 05:18 Min. Verfügbar bis 23.04.2021 WDR 5 Von Bettina Altenkamp

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Zentrale Auswertung des Beweismaterials

Im LKA werden nun auch zentral die digitalen Asservate, also das Beweismaterial, ausgewertet. Und zwar in einer neuen Computer-Infrastruktur. Die Kreispolizeibehörden können darauf zugreifen.

Die Datenmengen haben in den letzten Jahren gigantische Ausmaße angenommen. Allein aus den Ermittlungen rund um den Tatkomplex Bergisch Gladbach sind, so Ingo Wünsch, "18 Millionen Bilder und über 500.000 Videodateien an das LKA übersandt worden."

Für diese neue digitale Infrastruktur sind nach Angaben des Innenministeriums bis 2021 Investionen 32,5 Millionen Euro vorgesehen.

Mehr Personal, mehr Supervision, mehr Fortbildungen

Das Innenministerium hat im letzten Jahr in allen Bereichen aufgerüstet: Das Personal für den Themenkomplex Kindesmissbrauch und damit verbundene Pornografie wurde laut Wünsch insgesamt fast vervierfacht.

Auch die verpflichtenden Supervisionen wurden ausgeweitet. Und ein Training zur Stressbewältigung soll die Mitarbeiter bei ihrer belastenden Tätigkeit unterstützen. Zudem sei die Kapazität für Fortbildungen mit 121 zusätzlichen Plätzen mehr als verdoppelt worden.

Verdopplung der Fälle gutes Zeichen

Die Zahl der Ermittlungsverfahren hat sich im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt: Im März 2002 waren es 3.709, im Vorjahr nur 1.895.

Auch wenn es auf den ersten Blick widersinnig erscheint, Herbert Reul freut sich über diese Zunahme: "Das Verdecken dieses Problems war das eigentliche Problem." Nun würde das Dunkelfeld erhellt: "Jetzt ist es öffentlich, wir werden immer mehr Fälle haben und deswegen werden wir immer mehr Kindern helfen können und deswegen ist das gut."

Kampf gegen Kindesmissbrauch: "Manchmal helfen Zufälle"

WDR 5 Morgenecho - Interview 16.01.2020 06:33 Min. Verfügbar bis 15.01.2021 WDR 5

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Der Fall Lügde: Jugendhilfe ohne Standards Westpol 09.02.2020 UT DGS Verfügbar bis 09.02.2021 WDR

Stand: 23.04.2020, 16:57