Ehemalige Heimkinder berichten von Alltag in Kinderheimen

Ehemalige Heimkinder berichten von Alltag in Kinderheimen

Von Meriem Benslim

  • Minister entschuldigen sich
  • Mehr als 118.000 Betroffene bundesweit
  • Ehemalige Heimkinder fordern Entschädigungsrente

„Man hat mich vergewaltigt und fixiert“, erzählt Thomas Frauendienst am Mittwoch (19.06.2019) im Düsseldorfer Landtag. Er ist einer der ehemaligen Heimkinder, die in der Nachkriegszeit körperliche und psychische Gewalt erlebt haben.

In den 60er Jahren war er in einem Kinderheim im Ruhrgebiet. „Ich musste Erbrochenes wieder zu mir nehmen. Ich wurde zwangsbeschnitten, ohne Betäubung“. Außerdem seien an ihm medizinische Versuche gemacht worden.

Minister Laumann und Kardinal Wölki entschuldigen sich

Seine Geschichte erzählt Thomas Frauendienst auf einem kleinen Podium im Landtag. Vor ihm sitzen Politiker und Kirchenvertreter, darunter NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann und Reiner Maria Kardinal Wölki. Sie hören zu. Wirken betroffen. Entschuldigen sich.

Laumann: "Misshandelte Heimkinder wollen gehört werden"

WDR 5 Morgenecho - Interview 19.06.2019 06:22 Min. WDR 5

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Mehr als 118.000 Betroffene bundesweit

Das NRW-Sozialministerium hat zu der Veranstaltung eingeladen. Mehr als 300 ehemalige Heimkinder sind der Einladung gefolgt. Es ist die Spitze des Eisbergs. Die Stiftung Anerkennung und Hilfe schätzt, dass es bundesweit mehr als 118.00 Betroffene gibt.

Stiftung für Entschädigungsgelder

Die Stiftung wurde 2017 von Bund, Ländern und Kirchen gegründet. Betroffene Heimkinder können dort Entschädigungsgelder beantragen. „Allerdings wissen längst nicht alle, dass es diese Gelder gibt“, sagt Uwe Werner. Er war selbst in einem Heim und hat einen Selbsthilfeverein in Mönchengladbach gegründet.

Betroffene stellen Forderungen

Die ehemaligen Heimkinder haben konkrete Forderungen an Politik und Kirche. Die Entschädigungsgelder könnten nur noch bis 2020 beantragt werden. „Die Frist muss verlängert werden“, so Werner.

NRW-Sozialminister Laumann stimmt zu: „Wir werden uns für eine Verlängerung der Frist einsetzen“, sagt er. Beschließen könnten das allerdings nur Bund, Bundesländer und die Kirchen gemeinsam.

Für Uwe Werner und Thomas Frauendienst reicht das nicht. „Es muss dringend eine Entschädigungsrente her“, sagt Frauendienst. „Damit wir nach dem Elend, das wir hinter uns haben, es wenigstens ein bisschen leichter haben“.

Stand: 19.06.2019, 18:36